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1901 2012
Prize category:
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The Nobel Prize in Literature 1999
Günter Grass
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Nobelvorlesung
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| Copyright © Nobel Media AB 1999 Photo: Hans Mehlin |
"Fortsetzung folgt ..."
Verehrte Mitglieder der Schwedischen
Akademie, meine Damen und Herren!
Mit dieser Ankündigung zogen sich im neunzehnten Jahrhundert
Prosawerke in die Länge. Unterm Strich boten Journale und
Wochenblätter Platz. Der Fortsetzungsroman stand in
Blüte. Während in rascher Folge Kapitel nach Kapitel
schwarz auf weiß gedruckt wurden, war der Mittelteil der
Erzählung gerade erst handschriftlich zu Papier gekommen,
der Schlußteil noch nicht ausgedacht. Doch hielten nicht nur
triviale Schauergeschichten und herzergreifende Passionen den
Leser in Bann. Etliche Dickens-Romane sind so, in Häppchen,
erschienen. Tolstois "Anna Karenina" war ein Fortsetzungsroman.
Balzacs Zeit als fleißiger Zulieferer für fortgesetzte
Massenware mag ihn, noch namenlos, die Technik erhöhter
Spannung, knapp vor dem Abbruch der Spalte, gelehrt haben. Und
auch fast alle Fontane-Romane sind zuerst in Zeitungen und
Zeitschriften abgedruckt und fortgesetzt worden, zum Beispiel
"Irrungen, Wirrungen", auf daß der Besitzer der "Vossischen
Zeitung" empört ausrief: "Will denn diese Hurengeschichte
nicht endlich aufhören!"
Doch bevor ich den Faden meiner Rede dergestalt weiterspinne oder
zu Nebenfäden aufdrösele, soll erwähnt werden,
daß mir, rein literarisch gesichtet, dieser Saal und die
einladende Schwedische Akademie nicht fremd sind. In meinem Roman
"Die Rättin", der vor bald vierzehn Jahren erschienen ist
und an dessen katastrophalen Verlauf auf abschüssigen
Erzählebenen sich der eine oder andere Leser erinnern mag,
wird in Stockholm eine Laudatio vor vergleichbar gemischter
Gesellschaft gehalten, die der Ratte, genauer gesagt der
Laborratte, gewidmet ist.
Sie hat den Nobelpreis erhalten. Endlich, muß man sagen.
Denn auf den Vorschlagslisten stand sie lange schon. Sie galt als
favorisiert. Stellvertretend für Millionen Versuchstiere von
den Meerschweinchen bis zu den Rhesusaffen ist nun sie, die
weißhaarige, rotäugige Laborratte, geehrt worden. Sie,
vor allen anderen sie – das behauptet der Erzähler in
meinem Roman –, hat all die nobelierten Forschungen und
Erfindungen auf dem Gebiet der Medizin und was die Entdeckungen
der Nobelpreisträger Watson und Crick betrifft, auf dem
schier unbegrenzten Versuchsacker der Genmanipulation
möglich gemacht. Seitdem darf mehr oder minder legal geklont
werden, Mais, Gemüse, aber auch allerlei Getier. Deshalb
heißen die gegen Ende des besagten Romans, also während
posthumaner Zeit, immer dominanter in Erscheinung tretenden
Rattenmenschen "Watsoncricks". In ihnen ist das beste aus beiden
Gattungen vereint. Das Rattige west im Menschen und umgekehrt. Am
Wesen dieser Züchtung scheint die Welt genesen zu wollen.
Wurde auch Zeit, daß nach dem Großen Knall, als nur
Ratten, Kakerlaken und Schmeißfliegen, ein Rest Fisch- und
Froschlaich überlebten, dem Chaos wieder Ordnung beigebracht
wurde, und zwar mit Hilfe der Watsoncricks, die wunderbarerweise
davonkamen.
Da aber diesem Erzählstrang ein "Fortsetzung folgt ..."
offen stand und die Nobelpreisrede auf die Laborratte nicht etwa
als heiteres Schlußstück den Roman beschließt,
kann ich mich nun grundsätzlich dem Erzählen als
Überlebens- und Kunstform zuwenden.
Von Anfang an wurde erzählt. Lange bevor sich das
Menschengeschlecht im Schreiben übte und nach und nach
alphabetisierte, erzählte jeder jedem, und jeder hörte
dem anderen zu. Bald gab es unter den noch nicht Schreibkundigen
solche, die mehr und besser erzählten oder glaubhafter
lügen konnten. Und unter ihnen gab es hinwiederum solche,
denen es kunstvoll gelang, den Fluß ihrer Erzählung
nach ruhigem Dahinfließen zu stauen, dann die gestaute
Stoffmasse über die Ufer treten zu lassen, ihr einen
verzweigten Verlauf zu geben, der nie versickerte, sondern
plötzlich und überraschend ein breites Flußbett
fand, nun freilich viel Treibgut mitführend, das
Nebenhandlungen zur Folge hatte. Und weil diese
allerfrühesten Erzähler, die auf Tages- oder
Lampenlicht nicht angewiesen waren und noch im Dunkeln gut
munkeln konnten, ja, der Dunkelheit oder dem Dämmern
zusätzliche Spannung abzugewinnen wußten, keine
Durststrecken, keinen donnernden Wasserfall scheuten und
allenfalls aus Gründen allseits aufkommender Müdigkeit
mit dem Versprechen "Fortsetzung folgt ..." den Ablauf der
Handlung unterbrachen, fanden sich viele Zuhörer ein, die
zwar auch, aber nicht so unerschöpflich zu erzählen
wußten.
Was wurde, als noch niemand schreiben, aufschreiben konnte,
erzählt? Von Anbeginn, seit Kain und Abel, wird viel von
Mord und Totschlag die Rede gewesen sein. Rache, besonders die
Blutrache, bot Stoff. Und früh schon war Völkermord
gang und gäbe. Aber auch von Wasserfluten und
Dürrezeiten, von mageren und fetten Jahren konnte berichtet
werden. Man scheute keine langwierigen Aufzählungen von
Besitz an Vieh und Menschen. Keine Erzählung durfte, wenn
sie als glaubwürdig gehört werden wollte, auf lange
Geschlechterlisten – wer nach wem und vor wem kam –
verzichten. Ähnlich geschlechterkundig bauten sich
Heldengeschichten auf. Sogar die bis heute beliebten
Dreiecksgeschichten, aber auch Ungeheuerliches, in dem Wesen,
gemischt aus Mensch und Tier, Labyrinthe beherrschten oder im
Uferschilf lauerten, werden dazumal schon erzählte
Massenware gewesen sein. Ganz zu schweigen von Götterund
Götzenlegenden sowie abenteuerlichen Schiffsreisen, die
erzählend weitergereicht, abgeschliffen, ergänzt,
variiert, ins Gegenteil verkehrt wurden und schließlich von
einem Erzähler, der Homer geheißen haben soll, oder von
einem Erzählerkollektiv – was die Bibel betrifft
– aufgeschrieben worden sind. Seitdem gibt es die
Literatur. In China, Persien, Indien, auf dem peruanischen
Hochland und andernorts, wo überall Schrift entstand, sind
es Erzähler gewesen, die sich als Literaten vereinzelt oder
im Kollektiv einen Namen gemacht haben oder anonym geblieben
sind.
Erhalten hat sich für uns, die wir so extrem schriftlich
fixiert sind, die Erinnerung an das mündliche Erzählen,
an den oralen Ursprung der Literatur. Doch sollten wir vergessen
haben, daß alles Erzählen von Anbeginn über die
Lippen gekommen ist, mal gaumig, stockend, dann wieder hastend,
wie von Angst getrieben, auch flüsternd, als müsse das
preisgegebene Geheimnis vor allzu vielen Mitwissern
geschützt werden, nun wiederum laut, zwischen auftrumpfenden
Ausrufen oder Fragen, die schon immer mit gebogenem Rüssel
den ersten und letzten Dingen nachschnüffelten –
sollten wir all das schriftgläubig vergessen haben, dann
wäre unser Erzählen papieren nur und nicht von feuchtem
Atem getragen.
Wie gut, daß uns Bücher genug zur Hand sind, die, leise
wie laut gelesen, Bestand haben. Sie waren mir beispielhaft.
Meister wie Melville oder Döblin, aber auch Luthers
Bibeldeutsch, haben mich, als ich jung und belehrbar war,
angestoßen, vor mich hin sprechend zu schreiben, die Tinte
mit der Spucke zu mischen. Und dabei ist es geblieben. Bis ins
fünfte Jahrzehnt meiner lustvoll ertragenen Schreibfron kaue
ich zähfaserige Satzgefüge zu fügsamem Brei,
brabbel in schönster Schreibeinsamkeit vor mich hin und
lasse nur zu Papier kommen, was auch gesprochen seine wechselnde
Tonlage gefunden, Hall und Echo bewiesen hat.
Ja, ich liebe meinen Beruf. Er verschafft mir Gesellschaft, die
vielstimmig zu Wort kommen und möglichst wortgetreu ins
Manuskript finden will. Am liebsten begegne ich meinen mir vor
Jahren entlaufenen oder vom Leser enteigneten Büchern, wenn
ich vor Zuhörern lese, was geschrieben und ausgedruckt zur
Ruhe kam. Dann, dem jungen, schon früh der Sprache
entwöhnten, dem altersgrauen, doch immer noch nicht
gesättigten Publikum gegenüber, wird das geschriebene
und ausgedruckte Wort wieder zum gesprochenen. Und die
Verzauberung gelingt Mal um Mal. So verdient sich der Schamane im
Schriftsteller sein Zubrot. Er, der gegen die verstreichende Zeit
schreibt, er, der sich haltbare Wahrheiten zusammenlügt, ihm
glaubt man sein unausgesprochenes Versprechen: Fortsetzung folgt
...
Doch wie wurde ich Schriftsteller, Dichter, Zeichner – und
alles zugleich auf erschreckend weißem Papier? Welch
hausgemachte Hybris vermochte ein Kind zu solcher Verstiegenheit
anzustiften? Denn ich war etwa zwölf Jahre alt, als für
mich feststand, Künstler werden zu wollen. Das war, als bei
uns zu Hause, ganz nahe dem Vorort Danzig-Langfuhr, der Zweite
Weltkrieg begann. Die fachliche Spezialisierung in Richtung
Dichter bildete sich erst im folgenden Kriegsjahr aus, als mir in
der Zeitschrift der Hitlerjugend "Hilf mit!" ein verlockendes
Angebot gemacht wurde: Ein Erzählwettbewerb stand
ausgeschrieben. Preise wurden versprochen. Und sogleich begann
ich meinen ersten Roman in ein Diarium zu schreiben. Er trug,
beeinflußt durch den familiären Hintergrund meiner
Mutter, den Titel "Die Kaschuben", spielte aber nicht in der dem
verschwindend kleinen Kaschubenvolk wieder einmal schmerzlichen
Gegenwart, sondern im dreizehnten Jahrhundert, zur Zeit des
Interregnums, der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit, in der
Wegelagerer und Raubritter Straßen und Brücken
beherrschten und sich die Bauern nur durch eigenes Recht, durch
Femegerichte zu helfen wußten.
So viel erinnere ich, daß nach kurzer Darstellung der
wirtschaftlichen Lage im kaschubischen Hinterland sogleich die
Räuberei und mit ihr das Hauen und Stechen begann.
Dergestalt heftig wurde gewürgt, erdolcht, aufgespießt
und durch Femespruch mit Galgen oder Schwert gerichtet, daß
gegen Ende des ersten Kapitels alle Hauptdarsteller und ein
Gutteil der Nebenpersonen tot, verscharrt oder den Krähen
als Fraß vorgeworfen waren. Da mir mein Stilgefühl
nicht erlaubte, die angehäuften Toten als Geister handeln
und den Roman ins Schauerliche vorantreiben zu lassen, mußte
mein Versuch als gescheitert gelten, war dem "Fortsetzung folgt
..." ein jähes Ende gesetzt; nicht für immer und alle
Zeit, aber der Anfänger wurde mit der deutlichen Ermahnung
geimpft, beim zukünftigen Erzählen behutsamer und
ökonomischer mit dem fiktiven Personal umzugehen.
Doch vorerst las ich in mich hinein. Ich las auf besondere Weise:
mit den Zeigefingern in den Ohren. Erklärend muß dazu
gesagt werden, daß meine jüngere Schwester und ich in
beengten Verhältnissen, nämlich in einer
Zweizimmerwohnung, also ohne eigene Kammer oder sonst einen noch
so winzigen Verschlag aufgewachsen sind. Auf Dauer gesehen war
das für mich von Vorteil, denn so lernte ich früh, mich
inmitten von Personen und umgeben von Geräuschen dennoch zu
konzentrieren. Wie unter einer Käseglocke aufgehoben, war
ich so ans Buch und dessen erzählte Welt verloren, daß
meine Mutter, die zu Scherzen neigte, nur um einer Nachbarin die
gänzliche Absenz ihres Sohnes zu beweisen, eine
Butterstulle, die neben meinem Buch lag und in die ich ab und zu
biß, gegen ein Stück Seife – nehme an, Palmolive
– eintauschte, woraufhin beide Frauen – meine Mutter
mit gewissem Stolz – Zeugen wurden, wie ich, ohne den Blick
vom Buch zu lösen, nach der Seife griff, zubiß und
kauend eine gute Minute brauchte, um aus dem gedruckten Geschehen
geworfen zu werden.
Solch frühe Einübung in konzentriertes Verhalten ist
mir noch heute geläufig; doch nie wieder habe ich so
besessen gelesen. Die Bücher fanden sich in einem
Schränkchen hinter blauen Scheibengardinen. Meine Mutter war
Mitglied in einem Buchclub. Dostojewskis und Tolstois Romane
standen dort neben und zwischen einigen von Hamsun, Raabe und Vicki Baum. Auch
Selma Lagerlöfs "Gösta
Berling" war greifbar. Später fütterte mich die
Stadtbibliothek. Doch den Anstoß hat wohl der
Bücherschatz meiner Mutter gegeben. Sie, die genau rechnende
Geschäftsfrau, die ihren Kolonialwarenladen zu Diensten
unzuverlässiger Pumpkundschaft betrieb, liebte das
Schöne, lauschte dem Volksempfängerradio Opern- und
Operettenmelodien ab, hörte gerne meine vielversprechenden
Geschichten, ging oft ins Stadttheater und nahm mich manchmal
mit.
Aber diese nur flüchtig skizzierten Anekdoten, erlebt in der
Enge kleinbürgerlicher Verhältnisse, die ich vor
Jahrzehnten an anderer Stelle und mit fiktivem Personal episch
breit ausgemalt habe, sind einzig dazu gut, mir bei der
Beantwortung der Frage "Wie wurde ich Schriftsteller?" behilflich
zu werden. Die Fähigkeit zur anhaltenden Tagträumerei,
die Lust am Wortwitz und am Spiel mit Wörtern, die Sucht,
nur deshalb und ohne Vorteil für sich zu lügen, weil
das Schildern der Wahrheit zu langweilig gewesen wäre, kurz,
was man vage genug Begabung nennt, war gewiß vorgegeben,
doch ist es der jähe Einbruch der Politik ins familiäre
Idyll gewesen, der dem allzu leicht dahinsegelnden Talent zu
dauerhaftem Ballast und einigem Tiefgang verhalf.
Der Lieblingscousin meiner Mutter, wie sie kaschubischer
Herkunft, war im Freistaat Danzig Beamter der polnischen Post. Er
ging bei uns ein und aus, war gerngesehener Besuch. Als bei
Kriegsbeginn das Postgebäude am Heveliusplatz gegen den
Ansturm der SS-Heimwehr eine Zeitlang verteidigt wurde,
gehörte mein Onkel zu den Kapitulierenden, die alle
standrechtlich verurteilt und erschossen worden sind.
Plötzlich fehlte dieser Onkel. Plötzlich und anhaltend
sprach man nicht mehr von ihm. Er blieb ausgespart. Doch indem er
wie weg war, muß er sich bei mir festgesetzt haben,
unbemerkt über Jahre hinweg, in denen ich mit fünfzehn
in Uniform steckte, mit sechzehn mich zu fürchten lernte,
mit siebzehn in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, mit
achtzehn in Freiheit und als Schwarzhändler tätig war,
schließlich den Beruf des Steinmetz und Steinbildhauers
lernte, mich auf Kunstakademien übte, schrieb und zeichnete,
zeichnete und schrieb, leichtfüßige Verse,
windgeblasen, skurrile Einakter. Das ging so fort, bis mir, dem
das ästhetische Vergnügen wie eingeboren war, eine
Stoffmasse sperrig wurde. Und unter ihrem Geröll lag der
Lieblingscousin meiner Mutter, der erschossene polnische
Postbeamte, begraben, um von mir – von wem sonst? –
gefunden, ausgebuddelt zu werden, auf daß er unter anderem
Namen und in anderer Gestalt mittels Erzählbeatmung wieder
zum Leben erweckt wurde; diesmal jedoch in einem Roman, dessen
Haupt- und Nebenfiguren lebensgierig und putzmunter viele Kapitel
überlebten, wobei einige sogar bis zum Ende aushielten, so
daß des Schriftstellers ständiges Versprechen
"Fortsetzung folgt ..." eingelöst werden konnte.
Und so weiter und so weiter. Mit der Veröffentlichung meiner
ersten beiden Romane "Die Blechtrommel" und "Hundejahre" und der
dazwischengeschobenen Novelle "Katz und Maus" lernte ich
früh, als immer noch relativ junger Schriftsteller, daß
Bücher Anstoß erregen, Wut, Haß freisetzen
können. Was aus Liebe dem eigenen Land zugemutet ward, wurde
als Nestbeschmutzung gelesen. Seitdem gelte ich als
umstritten.
Dabei befinde ich mich, was nach Sibirien oder sonstwohin
verwünschte Schriftsteller betrifft, in guter Gesellschaft.
Wir sollten uns deswegen nicht beklagen. Vielmehr dürfen wir
den Zustand des permanenten Umstrittenseins als belebend
empfinden und auch dem Risiko unserer Berufswahl angemessen. Es
ist nun mal so, daß die Autoren des bloßen
Wortgeschehens den Mächtigen, die stets auf der Siegerbank
ihr Platzrecht behaupten, gerne und wohlbedacht in die Suppe
spucken, weshalb die Geschichte der Literatur sich analog zur
Entwicklung und Verfeinerung der Zensurmethoden
verhält.
Der Machthaber Mißlaune zwang Sokrates, den Giftbecher bis
zur Neige zu leeren, trieb Ovid in die Verbannung, nötigte
Seneca, seine Pulsadern zu öffnen. Die schönsten
literarischen Früchte, gewonnen aus abendländischer
Kulturgärtnerei, zierten namentlich den Index der
katholischen Kirche, während Jahrhunderten und bis
heutzutage. Welches Ausmaß an Verzögerung hat die
europäische Aufklärung durch die Zensurmaßnahmen
absolut herrschender Fürsten erfahren? Wie viele deutsche,
italienische, spanische und portugiesische Schriftsteller hat der
Faschismus aus ihren Ländern, ihren Sprachräumen
vertrieben? Wie viele Schriftsteller sind Opfer des
leninistisch-stalinistischen Terrors geworden? Und welchen
Zwängen sind Schriftsteller heute noch, ob in China, Kenia
oder Kroatien, ausgesetzt?
Ich komme aus dem Land der Bücherverbrennung. Wir wissen,
daß die Lust, das verhaßte Buch in dieser oder jener
Form zu vernichten, immer noch oder schon wieder dem Zeitgeist
gemäß ist und gelegentlich telegenen Ausdruck, das
heißt Zuschauer findet. Weit schlimmer jedoch ist, daß
die Verfolgung von Schriftstellern bis hin zur angedrohten oder
vollzogenen Ermordung in aller Welt zunimmt und sich alle Welt an
diesen fortgesetzten Terror gewöhnt hat. Jener Teil der
Welt, der sich frei nennt, schreit zwar empört auf, wenn in
Nigeria, wie 1995 geschehen, der die Verseuchung seiner Heimat
anklagende Schriftsteller Ken Saro-Wiwa mit seinen Mitstreitern
zum Tode verurteilt und dieses Urteil vollstreckt wird, geht aber
dann zur Tagesordnung über, weil ökologisch
begründeter Protest die Geschäfte des global
herrschenden Ölgiganten Shell stören könnte.
Was jedoch macht Bücher und mit ihnen Schriftsteller
dergestalt gefährlich, daß Staat und Kirche,
Medienkonzerne und Politbüros sich zu Gegenmaßnahmen
gezwungen sehen? Selten sind es direkte Verstöße gegen
die jeweils herrschende Ideologie, denen Schweigegebot und
Schlimmeres folgen. Oft reicht der literarische Nachweis,
daß die Wahrheit nur im Plural existiert – wie es ja
auch nicht nur eine Wirklichkeit, sondern eine Vielzahl von
Wirklichkeiten gibt –, um einen solch erzählerischen
Befund als Gefahr zu werten, als eine tödliche für die
jeweiligen Hüter der einen und einzigen Wahrheit. Auch
daß Schriftsteller – was ihres Berufes ist – die
Vergangenheit nicht ruhen lassen können, zu schnell
vernarbte Wunden aufreißen, in versiegelten Kellern Leichen
ausgraben, verbotene Zimmer betreten, heilige Kühe
verspeisen oder wie Jonathan Swift es getan hat, irische Kinder
als Rostbraten der herrschaftlich englischen Küche
empfehlen, ihnen also generell nichts, selbst nicht der
Kapitalismus heilig ist, all das macht sie anrüchig,
strafwürdig. Ihr schlimmstes Vergehen jedoch bleibt,
daß sie sich in ihren Büchern nicht mit den jeweiligen
Siegern im historischen Verlauf gemein machen wollen, sich
vielmehr dort mit Vergnügen herumtreiben, wo die Verlierer
geschichtlicher Prozesse am Rande stehen, zwar viel zu
erzählen hätten, doch nicht zu Wort kommen. Wer ihnen
Stimme gibt, stellt den Sieg in Frage. Wer sich mit Verlierern
umgibt, gehört zu ihnen.
Gewiß haben die Mächtigen, gekleidet in dieses oder
jenes Zeitkostüm, generell nichts gegen die Literatur. Sie
wünschen sich sogar eine als Zimmerschmuck und sind bereit,
sie zu fördern. Gegenwärtig soll sie unterhaltsam sein,
der Spaßkultur dienlich, also nicht nur das Negative sehen,
vielmehr den Menschen in ihrer Not ein Hoffnungslichtlein
stecken. Im Grunde war und ist, wenn auch nicht so explizit
gefordert wie zu Zeiten des Kommunismus, der "positive Held"
erwünscht. Der kann heutzutage im unbegrenzten Dschungel der
freien Marktwirtschaft durchaus rambomäßig daherkommen
und seinen Weg zum Erfolg lachend mit Leichen pflastern; ein
Bruder Leichtfuß, der zwischen Schußwechsel und
Schußwechsel zu einem schnellen Fick bereit ist, ein Winner,
der lauter Loser hinter sich läßt, kurzum ein Held, der
unserer globalisierten Welt seine positiven Duftmarken setzt. Und
dem Wunsch nach derart hartgesottenen Stehaufmännchen wird
auch mittels allzeit verfügbarer Medien entsprochen: James
Bond hat viele ihm dollygleiche Kinder geheckt. Nach seiner
Machart – als cooler Typ – darf weiterhin das Gute
über das Böse siegen.
Also wäre sein Gegenbild oder Gegenspieler der negative
Held? Nicht unbedingt. Ich komme, wie Sie lesend erfahren haben,
aus der maurisch-spanischen Schule des pikaresken Romans. In ihr
ist der Kampf gegen Windmühlenflügel ein durch die
Jahrhunderte hindurch übertragbares Modell geblieben. Also
lebt der Pikaro von der Komik des Scheiterns. Sein Witz pinkelt
an die Säulen der Macht, sägt an deren Gestühl,
weiß aber zugleich, daß er weder den Tempel zum
Einsturz noch den Thron zum Kippen bringen wird. Nur sieht das
Erhabene, sobald mein Pikaro vorbeigeschlendert ist, ziemlich
schäbig aus, und der Thron wackelt ein wenig. Sein Humor ist
der Verzweiflung abgewonnen. Während sich in Bayreuth die
"Götterdämmerung," vor hochkarätigem Publikum in
die Länge zieht, hört man ihn kichern, denn in seinem
Theater laufen Komödie und Tragödie Hand in Hand. Er
verspottet die schicksalhaft daherschreitenden Sieger und bringt
sie ins Stolpern. Zwar macht sein Scheitern uns lachen, doch ist
das von ihm ausgelöste Gelächter von sperriger
Qualität: es bleibt im Hals stecken; selbst seine witzigst
zugespitzten Zynismen sind von tragischem Zuschnitt. Zudem ist er
aus der Sicht rot oder schwarz eingefärbter Beckmesser ein
Formalist, ja, Manierist erster Güte: Er hält das
Fernglas verkehrt herum. Die Zeit rangiert bei ihm auf einem
Verschiebebahnhof. Allerorts stellt er Spiegel auf. Nie weiß
man, wessen Bauchredner er jetzt ist. Der reizvollen Perspektive
wegen sind in des Pikaro Manege manchmal sogar Zwerge und Riesen
zugange. So ist Rabelais zeit seines tätigen Lebens auf der
Flucht vor profaner Polizei und der heiligen Inquisition gewesen,
weil seine überlebensgroßen Kerle Gargantua und
Pantagruel die nach scholastischer Lehre geordnete Welt auf den
Kopf gestellt hatten. Welch ein Höllengelächter haben
die beiden entfesselt! Und als Gargantua breitärschig auf
den Türmen von Notre-Dame hockte und von dort herab pissend
ganz Paris unter Wasser setzte, lachte das Volk, sofern es nicht
ersoffen war. Oder noch einmal Swift als Zeuge herbeigerufen:
sein kulinarisch gewürzter Vorschlag, die Hungersnot in
Irland zu mildern, könnte zeitgemäß aufgegriffen
werden, indem beim nächsten Weltwirtschaftsgipfel, sobald
den Staatsoberhäuptern der Tisch gedeckt ist, nun nicht mehr
die Kinder irischer Hungerleider sondern brasilianische
Straßenkinder oder solche aus dem südlichen Sudan
köstlich zubereitet serviert werden. Satire heißt diese
Kunstform. Sie darf bekanntlich alles, sogar mit dem
Entsetzlichen den Lachnerv kitzeln.
Als Heinrich Böll am 2. Mai
1973 hier seine Nobelvorlesung hielt, in der er die so
gegensätzlich anmutenden Positionen Vernunft und Poesie in
immer enger führender Umkreisung zur Konfrontation brachte,
beklagte er mit letztem Satz seiner Rede ein Versäumnis aus
Zeitgründen: "Übergehen mußte ich den Humor, der
auch kein Klassenprivileg ist und doch ignoriert wird in seiner
Poesie und als Versteck des Widerstands." – Nun, Heinrich
Böll wußte, wie seitab kaum noch gelesen Jean Paul im
Panoptikum deutscher Geistesgrößen seinen Platz hat,
wie sehr Thomas Manns
literarisches Werk, damals aus rechter wie linker Sicht, unter
Ironieverdacht stand; und ich ergänze: heute noch steht.
Böll meinte gewiß nicht den gängigen
Schmunzelhumor, wohl aber das unhörbare Lachen zwischen den
Zeilen, chronische Traueranfälligkeit seines Clowns,
verzweifelte Komik jenes Sammlers, der das Schweigen archivierte.
Eine Tätigkeit übrigens, die in den oft berufenen
Medien im Sinne der Ankündigung "Fortsetzung folgt ..."
Schule gemacht hat und als "Freiwillige Selbstkontrolle" freien
Westens gefällige Verkleidung der Zensur ist.
Zu Beginn der fünfziger Jahre, als ich bewußt zu
schreiben begonnen hatte, war Heinrich Böll bereits ein
bekannter, wenn auch nicht anerkannter Autor. Mit Wolfgang
Koeppen, Günter Eich und Arno Schmidt stand er abseits des
damals restaurativen Kulturbetriebs. Die noch junge
Nachkriegsliteratur tat sich schwer mit der deutschen Sprache,
die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus korrumpiert
worden war. Zudem stand Bölls Generation, aber auch den
jüngeren Autoren, zu denen ich mich zählte, ein Satz
von Theodor Adorno als Verbotstafel im Wege. Ich zitiere: "Nach
Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das
frißt auch die Erkenntnis an, warum es unmöglich ward,
heute Gedichte zu schreiben ... "
Also kein "Fortsetzung folgt ..." mehr. Nun, wir haben dennoch
geschrieben. Freilich, indem wir – wie Adorno in seinem
Buch von 1951, "Minima Moralia. Reflexionen aus dem
beschädigten Leben" – Auschwitz als Zäsur und
unheilbaren Bruch der Zivilisationsgeschichte begreifen
mußten. Nur so war diese Verbotstafel zu umgehen. Und doch
ist das von Adorno gesetzte Menetekel bis heute wirksam
geblieben. An ihm haben sich die Autoren meiner Generation in
erklärter Abwehr gerieben. Schweigen wollte, konnte keiner.
Ging es doch darum, die deutsche Sprache aus dem Gleichschritt zu
bringen, sie aus Idyllen und blaustichiger Innerlichkeit
herauszulocken. Uns, den gebrannten Kindern, kam es darauf an,
den absoluten Größen, dem ideologischen Weiß oder
Schwarz abzuschwören. Zweifel und Skepsis standen Pate; die
Vielzahl der Grauwerte reichten sie uns als Geschenk. Ich
jedenfalls habe mir diese Askese auferlegt, um dann erst den
Reichtum meiner allzu pauschal schuldig gesprochenen Sprache,
ihre verführbare Weichheit, ihren vergrübelten Hang zum
Tiefsinn, ihre durchaus biegsame Härte, ja, ihren
mundartlichen Schmelz, ihre Einfalt und Vieldeutigkeit, ihre
Verschrobenheiten und ihre in Konjunktiven aufblühende
Schönheit zu entdecken. Mit diesem wiedergewonnenen Pfund
galt es zu wuchern, trotz Adorno oder ermahnt durch Adornos
Verdikt. Nur so konnte das Schreiben nach Auschwitz – ob
Gedicht oder Prosa – fortgesetzt werden. Nur so, indem sie
zum Gedächtnis wurde und die Vergangenheit nicht enden
ließ, konnte die deutschsprachige Nachkriegsliteratur die
allgemeingültige Schreibregel "Fortsetzung folgt ..."
für sich und gegenüber den Nachgeborenen rechtfertigen.
Und nur so gelang es, die Wunde offen zu halten und das
gewünschte wie verordnete Vergessen durch ein beharrliches
"Es war einmal ..." aufzuheben.
Wie oft auch aus diesem oder jenem Interesse der
Schlußstrich gefordert, die Rückkehr zur
Normalität eingeklagt wurde und die schändliche
Vergangenheit als Historie abgelegt werden sollte, die Literatur
widersetzte sich diesem so verständlichen wie törichten
Verlangen. Zu Recht! Denn jedesmal, wenn in Deutschland die
Stunde Null verkündigt, das Ende der Nachkriegszeit
ausgerufen worden ist – zuletzt vor zehn Jahren, als die
Mauer gefallen war und Deutschlands Einheit auf dem Papier stand
–, hat uns die Vergangenheit wieder eingeholt.
Zu jener Zeit, im Februar 1990, habe ich in Frankfurt am Main vor
Studenten eine Vorlesung unter dem Titel "Schreiben nach
Auschwitz" gehalten. Ich zog Bilanz, legte, Buch nach Buch,
Rechenschaft ab. So kam ich zu dem 1972 erschienenen "Tagebuch
einer Schnecke", in dem Vergangenheit und Gegenwart sich
mehrgleisig kreuzen, aber auch parallel zueinander verlaufen und
manchmal kollidieren. In diesem Buch steht, weil die Definition
meines Berufes von meinen Söhnen erfragt wird, die Antwort:
"Ein Schriftsteller, Kinder, ist jemand, der gegen die
verstreichende Zeit schreibt." Ich sagte zu den Studenten: "Eine
so akzeptierte Schreibhaltung setzt voraus, daß sich der
Autor nicht als abgehoben oder in Zeitlosigkeit verkapselt,
sondern als Zeitgenosse sieht, mehr noch, daß er sich den
Wechselfällen verstreichender Zeit aussetzt, sich einmischt
und Partei ergreift. Die Gefahren solcher Einmischung und
Parteinahme sind bekannt: Die dem Schriftsteller gemäße
Distanz droht verlorenzugehen; seine Sprache sieht sich versucht,
von der Hand in den Mund zu leben; die Enge jeweils
gegenwärtiger Verhältnisse kann auch ihn und seine auf
Freilauf trainierte Vorstellungskraft einengen, er läuft
Gefahr, in Kurzatmigkeit zu geraten."
Das damals angesprochene Risiko ist mir über die Jahrzehnte
hinweg treu geblieben. Doch was wäre der Beruf des
Schriftstellers ohne Risiko? Gut, gleich einem Literaturbeamten
könnte er sich als gesichert begreifen. Aber der Gegenwart
gegenüber wäre er ein Gefangener seiner
Berührungsängste. Aus Angst, die Distanz zu verlieren,
verliefe er sich im Weitentlegenen, wo nur noch die Mythen wabern
und das Erhabene sich selbst feiert. Nein, die ständig
Vergangenheit werdende Gegenwart wird ihn einholen und ins
Verhör nehmen. Denn jeder Schriftsteller ist in seine Zeit
hinein geboren, er mag noch so heftig beteuern, zu früh oder
zu spät gekommen zu sein. Nicht er stellt sich
selbstherrlich das Thema seiner Wahl, vielmehr ist es ihm
vorgegeben. Ich jedenfalls habe nicht frei entscheiden
können. Denn wäre es einzig mir und meinem Spieltrieb
zufolge gegangen, hätte ich mich nach rein ästhetischen
Gesetzen erprobt und so unbeschwert wie harmlos im Skurrilen
meine Rolle gefunden.
Aber das ging nicht. Widerstände waren da. Aus deutscher
Geschichtsträchtigkeit geworfen, lagen Trümmer- und
Kadaverberge zuhauf. Diese Stoffmasse, die sich, indem ich sie
abzutragen begann, vergrößerte, war nicht
wegzublinzeln. Zudem komme ich aus einer Flüchtlingsfamilie.
Deshalb hat sich zu allem, was einen Schriftsteller von Buch zu
Buch antreiben mag – üblicher Ehrgeiz, Furcht vor
Langeweile, das Triebwerk der Egozentrik –, die
Gewißheit vom unwiederbringlichen Verlust der Heimat als
anstiftende Kraft bewiesen. Erzählend sollte die
zerstörte, verlorene Stadt Danzig, nein, nicht
zurückgewonnen, jedoch beschworen werden. Diese
Schreibobsession hat mich angestachelt. Ich wollte, nicht frei
von Trotz, mir und meinen Lesern ins Bild bringen, daß das
Verlorene nicht spurlos im Vergessen versinken muß, vielmehr
durch die Kunst der Literatur wieder Gestalt gewinnen kann: in
all seiner Größe und jämmerlichen Kleinlichkeit,
mit seinen Kirchen und Friedhöfen, den Geräuschen der
Schiffswerften und dem Geruch der matt anschlagenden Ostsee, mit
einer längst verebbten Sprache, diesem stallwarmen Gemaule,
mit Sünden, die zur Beichte taugten, und seinen geduldeten
und verschuldeten Verbrechen, denen keine Beichte die
erwünschte Absolution erteilen konnte.
Verlust dieser Art ist auch anderen Schriftstellern zum Mistbeet
fortgesetzt obsessionshaften Erzählens geworden. Jedenfalls
kamen vor Jahren Salman Rushdie und ich gesprächsweise
überein, daß ihm, wie mir mein verlorenes Danzig, sein
verlorenes Bombay Quelle und Müllgrube, Fixpunkt und
Weltmitte ist. Diese Anmaßung, diese Verstiegenheit,
gehört zur Literatur. Sie bleibt Voraussetzung für ein
Erzählen, das befähigt ist, alle Register zu ziehen.
Mit ziselierter Kleinkunst feinsinniger Psychologisierung oder
mit einem Realismus, der sich als naturgetreuer Abklatsch
mißversteht, ist solch monströsen Stoffmassen nicht
beizukommen. Sosehr wir aus aufklärender Tradition der
Vernunft verpflichtet sind, der absurde Verlauf der Geschichte
spottet jeder nur vernünftigen Erklärung.
Wie der Nobelpreis, sobald wir ihn aller Feierlichkeit
entkleiden, auf der Entdeckung von Dynamit fußt, das wie
andere menschliche Kopfgeburten – sei es die Spaltung der
Atome, sei es die gleichfalls nobelierte Aufschlüsselung der
Gene – das Wohl und das Wehe in die Welt gesetzt hat, so
beweist die Literatur ihrerseits Sprengkraft, wenngleich die von
ihr ausgelösten Explosionen verzögert, sozusagen in
Zeitlupe zum Ereignis werden und die Welt verändern:
gleichfalls als Wohltat und Anlaß zum Wehgeschrei für
das Menschengeschlecht. Wieviel Zeit hat der Prozeß der
europäischen Aufklärung von Montaigne über
Voltaire, Diderot, Kant, Lessing und Lichtenberg benötigt,
um die Funzel der Vernunft in die finstersten Winkel
scholastischer Verdunkelung zu tragen. Oft genug wurde das
Lichtlein gelöscht. Zensur verzögerte die Illuminierung
durch Vernunft. Doch als sie sich dann in aller Helle
breitgemacht hatte, war es eine erkaltete, aufs technisch
Machbare reduzierte, einzig dem ökonomischen und sozialen
Fortschritt verschriebene Vernunft, die sich als Aufklärung
ausgab und ihren von Anbeginn zerstrittenen Kindern, dem
Kapitalismus und dem Sozialismus, einen vernünftelnden
Jargon und den jeweils richtigen Weg zum Fortschritt um jeden
Preis eingebleut hatte.
Heute sehen wir, wohin es der Aufklärung genial
mißratene Kinder gebracht haben. Wir können ermessen,
in welch gefährliche Schieflage uns die durch Worte
ausgelöste und zeitverschleppt wirkungsvolle Explosion
geschleudert hat. Sicher, wir versuchen mit den Mitteln der
Aufklärung – denn andere haben wir nicht – den
Schaden zu beheben. Entsetzt sehen wir, daß der
Kapitalismus, seitdem sein Bruder, der Sozialismus, für tot
erklärt wurde, vom Größenwahn bewegt ist und sich
ungehemmt auszutoben begonnen hat. Er wiederholt die Fehler
seines totgesagten Bruders, indem er sich dogmatisiert, die freie
Marktwirtschaft als einzige Wahrheit ausgibt, von seinen schier
unbegrenzten Möglichkeiten berauscht ist und verrückt
spielt, das heißt, weltweit Fusionen betreibt, die einzig
den Profit maximleren. Kein Wunder, daß sich der
Kapitalismus, wie der an sich selbst erstickte Kommunismus, als
reformunfähig erweist. Globalisierung heißt sein
Diktat. Und wieder einmal wird mit dem Dünkel der
Unfehlbarkeit behauptet, dazu gäbe es keine
Alternative.
Demnach ist die Geschichte zu Ende. Kein "Fortsetzung folgt ..."
darf mit Spannung erwartet werden. Oder ist zu hoffen, daß,
wenn schon nicht der Politik, die ohnehin jegliche
Entscheidungskraft der Ökonomie überlassen hat,
wenigstens der Literatur etwas einfällt, das den neuerlichen
Dogmatismus ins Wanken bringt?
Wie aber könnte sich ein solch subversives Erzählen als
Dynamit von literarischer Qualität erweisen? Wäre Zeit
genug vorrätig, die Wirkung einer Spätzündung
abzuwarten? Ließe sich ein Buch denken, dem die Mangelware
Zukunft Auslauf böte? Ist es nicht gegenwärtig eher so,
daß die Literatur aufs Altenteil verwiesen und den jungen
Autoren allenfalls das Internet als Spielwiese eingeräumt
wird? Betriebsamer Stillstand, dem das Schummelwort Kommunikation
eine gewisse Aura verleiht, macht sich breit. Jeglicher Vorrat an
Zeit ist bis zum menschenmöglichen Kollaps verplant. Ein
kulturbetriebliches Jammertal nimmt die westliche Welt gefangen.
Was tun?
In meiner Gottlosigkeit bleibt mir einzig übrig, das Knie
vor jenem Heiligen zu beugen, der bislang noch immer hilfreich
gewesen ist und die schwersten Brocken ins Rollen gebracht hat.
Also flehe ich: Heiliger, von Camus' Gnaden nobelierter Sisyphos,
bitte, sorge dafür, daß der Stein oben nicht liegen
bleibt, daß wir ihn weiterhin wälzen dürfen, auf
daß wir wie du glücklich mit unserem Stein sein
können und die erzählte Geschichte von der Mühsal
unserer Existenz kein Ende findet.
Ob wohl mein Stoßseufzer erhört wird? Oder sollte, nach
neuestem Geraune, erst der gezüchtete Mensch als geklonte
Schöpfung für die Fortsetzung der Humangeschichte zu
sorgen befähigt sein?
Mithin bin ich wieder am Anfang meiner Rede und schlage noch
einmal den Roman "Die Rättin" auf, in dessen fünftem
Kapitel konjunktivisch die Verleihung des Nobelpreises an die
Laborratte, stellvertretend für Millionen anderer
Versuchstiere im Dienst der forschenden Wissenschaft, erwogen
wird. Und sogleich wird mir deutlich, wie wenig bisher alle
preisgekrönten Verdienste geeignet waren, die Geißel
der Menschheit, den Hunger, aus der Welt zu schaffen. Zwar
gelingt es, jeden, der zahlen kann, mit neuen Nieren zu
versorgen. Herzen können verpflanzt werden. Drahtlos
telefonieren wir rund um die Welt. Satelliten und Raumstationen
umkreisen uns fürsorglich. Waffensysteme sind, infolge
gepriesener Forschungsergebnisse, erdacht und verwirklicht
worden, mit deren Hilfe sich ihre Besitzer vielfach zu Tode
schützen können. Was alles des Menschen Kopf hergibt,
hat seinen erstaunlichen Niederschlag gefunden. Nur dem Hunger
ist nicht beizukommen. Er nimmt sogar zu. Wo Armut wie angestammt
war, schlägt sie in Verelendung um. Weltweit sind
Flüchtlingsströme unterwegs; Hunger begleitet sie. Und
kein politischer Wille, gepaart mit wissenschaftlichem
Können, ist entschlossen, dem wuchernden Elend ein Ende zu
setzen.
1973, damals, als in Chile, gestützt auf das tätige
Wohlwollen der USA, der Terror zuschlug, hielt als erster
deutscher Bundeskanzler Willy Brandt seine
Antrittsrede vor den Vereinten Nationen. Er kam auf die weltweite
Verelendung zu sprechen. Sein Ausruf "Auch Hunger ist Krieg!"
wirkte so überzeugend, daß ihn kurzerhand Beifall
erschlug.
Ich war dabei, als diese Rede gehalten wurde. Zu jener Zeit
schrieb ich an meinem Roman "Der Butt", in dem es um die
primäre Grundlage menschlicher Existenz, um die
Ernährung, also um Mangel und Überfluß, um
große Fresser und ungezählte Hungerleider, um des
Gaumens Freude und um die Brotrinden vom Tisch der Reichen
geht.
Dieses Thema ist uns geblieben. Dem sich anhäufenden
Reichtum antwortet die Armut mit gesteigerten Zuwachsraten. Der
reiche Norden und Westen mag sich noch so sicherheitssüchtig
abschirmen und als Festung gegen den armen Süden behaupten
wollen; die Flüchtlingsströme werden ihn dennoch
erreichen, dem Andrang der Hungernden wird kein Riegel
standhalten.
Davon wird in Zukunft zu erzählen sein. Schließlich
muß unser aller Roman fortgesetzt werden. Und selbst wenn
eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder
darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu
haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr
beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs neue zu Fäden
spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal
dem Lachen, manchmal dem Weinen nahe.
Copyright © The Nobel Foundation 1999
MLA style: "Günter Grass - Nobel Lecture: Fortsetzung folgt ...". Nobelprize.org. 18 May 2013 http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1999/lecture-g.html

