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1901 2012
Prize category:
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The Nobel Prize in Literature 2000
Gao Xingjian
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Der ständige Sekretär
Pressemitteilung
12. Oktober 2000
Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2000
Gao Xingjian
Die Schwedische Akademie verleiht den Nobelpreis für das Jahr 2000 an den chinesischsprachigen Schriftsteller Gao Xingjian
"für ein Werk von universaler Gültigkeit, bitterer Einsicht und sprachlichem Sinnreichtum, das chinesischer Romankunst und Dramatik neue Wege eröffnet hat".
Im Werk Gao Xingjians wird die Literatur
aus dem Kampf des Individuums, die Geschichte der Massen zu
überleben, wiedergeboren. Er ist ein Zweifler, der alles
durchschaut, ohne Anspruch darauf zu erheben, die Welt
erklären zu können. Er vertritt die Auffassung, die
Freiheit sei nur im Schreiben anzutreffen.
Der grosse Roman Der Berg der Seele ist eine der seltenen
literarischen Schöpfungen, die anscheinend mit nichts
anderem als sich selbst verglichen werden können. Er baut
auf Eindrücken von Reisen in entlegene Gebiete des
südlichen und südwestlichen Chinas, wo sich
schamanische Bräuche erhalten haben, wo Balladen und
Lügengeschichten über Räuber als wahr vorgetragen
werden und wo man Vertretern einer uralten taoistischen Weisheit
begegnen kann. Das Buch ist ein Gewebe aus Geschichten mit
mehreren Hauptgestalten, die einander spiegeln und vielleicht
Aspekte ein und desselben Ichs darstellen. Durch einen freien
Gebrauch von Personalpronomina erzielt Gao blitzschnelle
Perspektivenwechsel und zwingt den Leser dazu, alle vertraulichen
Mitteilungen in Frage zu stellen. Diese Verfahrensweise hat ihren
Ursprung in seinen Dramen, die in vielen Fällen von dem
Schauspieler fordern, eine Rolle zu verkörpern und sie
gleichzeitig von außen zu beschreiben. Ich, Du und Er/Sie
werden Bezeichnungen für einen wechselnden inneren
Abstand.
Der Berg der Seele ist ein Pilgerroman, in dem der
Protagonist zu sich selbst wallfährt, und eine Fahrt
längs einer spiegelnden Fläche, die Fiktion und Leben,
Phantasie und Erinnerung voneinander trennt. Die Diskussion des
Erkenntnisproblems nimmt immer mehr die Form einer Einübung
in die Befreiung von Ziel und Sinn an. Durch die Vielstimmigkeit,
die Kreuzungen der Genres und die Reflektion des Schreibaktes in
sich selbst erinnert das Buch an die großartige Idee der
deutschen Romantik von einer Universalpoesie.
Gao Xingjians zweiter Roman Die Bibel eines einsamen
Menschen führt die Themen des Romans Der Berg der
Seele weiter, aber ist leichter zu überblicken. Der Kern
des Buches ist die Abrechnung mit dem schreckeinjagenden
Wahnsinn, der gewöhnlich die chinesische Kulturrevolution
genannt wird. Mit schonungsloser Aufrichtigkeit schildert der
Verfasser der Reihe nach seine Erfahrungen als politischer
Aktivist, Opfer und außenstehender Beobachter. Seine
Erzählung hätte in der moralischen, stellvertretenden
Haltung des Dissidenten ausmünden können, aber er weist
diese Position zurück und weigert sich, jemand anderen zu
erlösen. Gao Xingjians Werk ist frei von jeder Anbiederung,
auch der gegenüber dem guten Willen. Sein Stück Die
Flucht verärgerte die Demokratiebewegung ebenso wie die
Machthaber.
Gao Xingjian bezeugt selbst die Bedeutung der
nichtnaturalistischen Strömungen des abendländischen
Theaters für sein dramatisches Schaffen und erwähnt
Artaud, Brecht, Beckett und Kantor. Genauso wichtig war für
ihn indessen ”die Quellflüsse des Volkstheaters zu
öffnen”. Als er ein chinesisches Sprechtheater schuf,
knüpfte er an altertümliches Maskenspiel, Schattenspiel
und Tanz-Gesang-Trommel-Traditionen an. Er nimmt die
Möglichkeit wahr, sich genauso wie in der chinesischen Oper
auf der Bühne nur mit Hilfe eines Worts oder einer Geste
frei in Zeit und Raum bewegen zu können. Die freien
Verwandlungen und die groteske Symbolsprache des Traums brechen
in die scharfen Bilder des Menschen der Gegenwart ein. Erotische
Themen geben seinen Texten eine fieberhafte Spannung, und mehrere
von ihnen haben die Choreographie der Verführung als
Grundmuster. Darin ist er einer der wenigen männlichen
Schriftsteller, die der Wahrheit der Frauen dasselbe Gewicht
zubilligen wie der eigenen.
Die Schwedische Akademie
MLA style: "Nobelprize.org". Nobelprize.org. 22 May 2013 http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2000/press-d.html

