Bertha von Suttner – Nobelvorlesung

German

Vortrag, Gehalten vor dem Nobel-Comité des Storthing zu Christiania am l8. April 1906

Die Entwicklung der Friedensbewegung

Die ewigen Wahrheiten und ewigen Rechte haben stets am Himmel der menschlichen Erkenntnis aufgeleuchtet, aber nur gar langsam wurden sie von da herab geholt, in Formen gegossen, mit Leben gefüllt, in Taten umgesetzt.

Eine jener Wahrheiten ist die, dass Frieden die Grundlage und das Endziel des Glückes ist, und eines jener Rechte ist das Recht auf das eigene Leben. Der stärkste aller Triebe, der Selbsterhaltungstrieb, ist gleichsam eine Legitimation dieses Rechtes, und seine Anerkennung ist durch ein uraltes Gebot geheiligt, welches heisst: “Du sollst nicht töten”.

Doch wie wenig im gegenwärtigen Stande der menschlichen Kultur jenes Recht respektiert und jenes Gebot befolgt wird, das brauche ich nicht zu sagen. Auf Verleugnung der Friedensmöglichkeit, auf Geringschätzung des Lebens, auf den Zwang zum Töten ist bisher die ganze militärisch organisierte Gesellschaftsordnung aufgebaut.

Und weil es so ist und weil es so war, solange unsere – ach so kurze, was sind ein paar tausend Jahre? – sogenannte Weltgeschichte zurückreicht, so glauben manche, glauben die meisten, dass es immer so bleiben müsse. Dass die Welt sich ewig wandelt und entwickelt, ist eine noch gering verbreitete Erkenntnis, denn auch die Entdeckung des Evolutionsgesetzes, unter dessen Herrschaft alles Leben – das geologische wie das soziale – steht, gehört einer jungen Periode der Wissenschaftsentwicklung an.

Nein; der Glaube an den ewigen Bestand des Vergangenen und Gegenwärtigen ist ein irrtümlicher Glaube. Das Gewesene und Seiende flieht am Zeitstrome zurück wie die Landschaft des Ufers; und das auf dem Strom getragene mit der Menschheit befrachtete Schiff treibt unablässig den neuen Gestaden dessen zu, was wird.

Dass das Werdende, das Erzielte immer um einen Grad besser, höher, glücklicher sich gestaltet als das Gewesene, das Ueberwundene, das ist die Ueberzeugung derer, die das Entwicklungsgesetz erkannt haben und die an seiner Betätigung mit zu helfen sich bemühen. Erst durch die Erkenntnis und bewusste Benützung der Naturgesetze und Naturkräfte, sowohl auf physischem wie auf moralischem Gebiete, werden die technischen Erfindungen und die sozialen Einrichtungen geschaffen, welche unser Leben erleichtern, bereichern und veredeln. Ideale nennt man diese Dinge, solange sie noch im Reiche der Idee schweben, als erreichte Fortschritte stehen sie da, sobald sie in eine sichtbare, lebendige und wirkungskräftige Form gebracht worden sind.

“Wenn Sie mich auf dem Laufenden erhalten und ich erfahre, dass die Friedensbewegung den Weg der praktischen Betätigung einzuschlagen beginnt, dann will ich dabei mit pekuniären Mitteln weiterhelfen.”

Dies sind die Worte, die der edle Nordländer, dem ich die Ehre verdanke, vor Ihnen, meine Herren und Frauen, hier zu erscheinen – die Alfred Nobel im Jahre 1892 in Bern an mich richtete, als er dort, wo eben ein Friedenskongress tagte, mit uns, meinem Mann und mir, zusammentraf.

Dass Alfred Nobel sich allmählich überzeugt hat, dass die Bewegung aus dem Wolkengebiet der frommen Theorien auf dasjenige der erreichbaren und praktisch abgesteckten Ziele übergegangen ist, das hat er durch sein Testament bewiesen. Neben den anderen Dingen, die er als zur Förderung der Kultur dienend erkannt hat, nämlich die Wissenschaft und die idealistische Literatur, hat er auch die Ziele der Friedenskongresse, nämlich Erlangung internationaler Justiz und daraus folgend Herabminderung der Heere, angereiht.

Auch Alfred Nobel war der Ansicht, dass die sozialen Wandlungen sich nur langsam und mitunter auf indirekten Wegen vollziehen. Er hatte für die Nordpolexpedition Andrees 80,000 Frcs gespendet. Er schrieb mir darüber, dass dies der Friedenssache mehr nützen könne, als ich glaube.

“Wenn Andree sein Ziel erreicht, selbst wenn er es nur halb erreicht, so wird dies eines jener Lärm und Gärung verursachenden Erfolge sein, welche die Geister bewegen und das Entstehen und die Aufnahme neuer Ideen und neuer Reformen bewirken.”

Aber auch einen näheren und unmittelbareren Weg sah Nobel vor sich. Ein anderes Mal schrieb er mir:

“Man könnte und sollte bald zu dem Ergebnis gelangen, dass sich alle Staaten solidarisch verpflichten, denjenigen anzugreifen, der zuerst einen ändern angriffe. Das würde den Krieg unmöglich machen und müsste auch die brutalste und unvernünftigste Macht zwingen, sich an das Schiedsgericht zu wenden oder ruhig zu bleiben. Wenn der Dreibund alle, statt drei Staaten umfasste, so wäre der Friede auf Jahrhunderte gesichert.”

Alfred Nobel hat die grossen Fortschritte und die entscheidenden Ereignisse nicht mehr erlebt, durch welche die Friedensidee zu lebendigen Organen, d. h. funktionierenden Institutionen gelangt ist.

Im Jahre 1894 konnte er doch noch erfahren, dass der grosse englische Staatsmann Gladstone, noch über das Schiedsgerichtsprinzip hinaus, die Einsetzung eines ständigen Völkertribunals vorschlug. Ein Freund des grand old man, Philip Stanhope, hat der interparlamentarischen Konferenz von 1894 diesen Antrag im Namen Gladstones überbracht und erreicht, dass der Plan eines solchen Tribunals an die Regierungen versendet werde. Auch diese Versendung hat Alfred Nobel noch erlebt. Aber die Folgen davon: die Einberufung der Haager Konferenz und die Gründung des dortigen ständigen Schiedsgerichtshofes, die haben sich erst nach seinem Tode vollzogen. Es bleibt ein unberechenbarer Schaden für die Bewegung, dass ihr Männer, wie Alfred Nobel, Moritz v. Egidy und Johann v. Bloch, zu frühzeitig entrissen worden sind! Zwar wirken ihre Werke und Taten noch über das Grab fort, aber wären sie lebendig unter uns, wieviel würde ihr persönlicher Einfluss und ihre wirkende Kraft noch zur Beschleunigung der Bewegung beitragen. Wie tapfer würden sie den Kampf aufgenommen haben, der gerade jetzt von der Seite des Militarismus geführt wird, um das erschütterte alte System aufrecht zu erhalten.

Vergebens: alte Systeme müssen weichen, wenn ein neues einmal begonnen hat, sich zu organisieren. Die Ueberzeugung von der Möglichkeit, von der Notwendigkeit und von der Segensfülle eines gesicherten juridischen Friedenszustandes zwischen den Völkern ist schon zu sehr in alle Schichten, auch schon in die Machtsphären gedrungen, die Aufgabe ist schon zu klar hingestellt, und zu viele arbeiten schon daran, als dass sie nicht früher oder später erfüllt werden sollte. Heute sind die Staatsoberhäupter schon zahlreich, die sich zum Ideal der Friedensbewegung bekennen. Vor einigen Jahren war noch kein einziger Minister in ihren Reihen. Der erste an der Macht befindliche Staatsmann, von dem ich mich erinnere, dass er offiziell einer interparlamentarischen Konferenz seine Zustimmung mitteilen liess, war der norwegische Ministerpräsident Steen. John Lund war es, der diese Botschaft – die damals Aufsehen erregte – der im Jahre 1891 in Rom tagenden interparlamentarischen Konferenz überbrachte. Die norwegische Regierung war auch die erste, die den Mitgliedern der interparlamentarischen Union Reisespesen und dem Berner Friedensbureau eine Subvention bewilligte. Alfred Nobel wusste wohl, warum er die Verwaltung seines Friedenslegates gerade dem Storthing anvertraut hat.

Sehen wir uns doch ein wenig in der Welt um, ob die Ereignisse und Aspekte wirklich dazu berechtigen, von den positiven Ergebnissen des Pacificismus und von seiner fortschreitenden Entwicklung zu reden. Ein furchtbarer Krieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen, hat eben im fernen Osten gewütet; eine noch furchtbarere Revolution knüpft sich daran, die das riesige russische Reich durchschüttert und deren Ende gar nicht abzusehen ist. Nichts als Brände, Raube, Bomben, Hinrichtungen, überfüllte Gefängnisse, Peitschungen und Massakres, kurz eine Orgie des Dämons Gewalt; im mittleren und westlichen Europa indessen kaum überstandene Kriegsgefahr, Misstrauen, Drohungen, Säbelgerassel, Presse-hetzen; fieberhaftes Flottenbauen und Rüsten überall; in England, Deutschland und Frankreich erscheinen Romane, in welchen der Zukunftsüberfall des Nachbars als ganz selbstverständlich Bevorstehendes geschildert wird mit der Absicht, dadurch zu noch heftigerem Rüsten anzuspornen; Festungen werden gebaut, Unterseeboote fabriziert, ganze Strecken unterminiert, kriegstüchtige Luftschiffe probiert, mit einem Eifer, als wäre das demnächstige Losschlagen die sicherste und wichtigste Angelegenheit der Staaten, und sogar die zweite Haager Konferenz wird mit einem Programm versehen, das sie zu einer Kriegskonferenz stempelt, und da wollen die Leute behaupten, die Friedensbewegung mache Fortschritte? …

Man muss eben nicht nur das Auffallende betrachten, das breit an der Oberfläche waltet, man muss auch das zu sehen verstehen, was aus dem Boden hervorspriesst; man muss verstehen, dass zwei Weltanschauungen und zwei Zivilisationsepochen jetzt mit einander ringen, und da wird man gewahr, dass mitten unter dem krachenden, drohenden Alten das verheissende Neue sich emporringt, gar nicht mehr vereinzelt, gar nicht mehr schwach und formlos, sondern schon viel verbreitet und lebenskräftig. Ganz unabhängig von der eigentlichen Friedensbewegung, die ja selber mehr ein Symptom als die Ursache der sich vollziehenden Wandlung ist, geht ein Prozess der Internationalisierung, der Solidarisierung der Welt vor sich. Dazu wirken mit: die technischen Erfindungen, der gesteigerte Verkehr, die sich verzweigenden und international durchdringenden Interessengemeinschaften, die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, und halb unbewusst – wie Triebe schon sind – waltet da der Selbsterhaltungstrieb der menschlichen Gesellschaft, die ja auf dem Wege der ewig gesteigerten Vernichtungsmethode ihrer Zerstörung entgegenginge und sich instinktiv dagegen aufbäumt.

Neben diesen unbewussten Faktoren, die eine Aera der Kriegslosigkeit vorbereiten, gibt es die vollkommen Zielbewussten, welche den ganzen Aktionsplan schon in deutlichen Umrissen vor sich sehen, welche die Methode kennen und anzuwenden beginnen, durch die das vorgesteckte Ziel sobald als möglich erreicht werden kann. Der gegenwärtige englische Premier Campbell-Bannermann wirft von neuem die Abrüstungsfrage auf. Der französische Senator d’Estournelles will die französisch-deutsche Entente in die Wege leiten. Ein Jaures fordert die Sozialisten aller Länder zum einmütigen Widerstande gegen den Krieg auf. Ein russischer Gelehrter (Novikow) verlangt den Siebenbund der konföderierten Grosstaaten der Erde; ein Roosevelt bietet sämtlichen Staaten Schiedsgerichtsverträge an und spricht in seiner Botschaft an den Kongress folgende Worte:

“Es sei die Pflicht seiner Regierung, auf jede nur mögliche Weise die Zeit näher zu bringen, wo das Schwert nicht mehr Schiedsrichter zwischen den Völkern wäre.”

Bei Amerika möchte ich etwas verweilen. Das Land der unbeschränkten Möglichkeiten zeichnet sich dadurch aus, dass es die grössten und neuesten Pläne mit kühnem Geiste entwirft und zu deren Ausführungen die einfachsten und kürzesten Mittel aufzufinden versteht. Mit anderen Worten: ideal im Denken, praktisch im Tun. Die moderne Friedensbewegung wird – das steht uns in Aussicht – von Amerika aus einen kräftigen Anstoss und eine klare Formel der Verwirklichung finden. In den eben zitierten Worten des Präsidenten liegt die volle Erfassung der Aufgabe und in den nachfolgenden Sätzen, die einer gegenwärtig in Amerika betriebenen Friedenskampagne als Programm dienen, ist die Methode deutlich vorgezeichnet.

1. Schiedsgerichtsverträge.
2. Eine Friedensunion zwischen den Staaten.
3. Eine internationale Institution, kraft deren das Recht zwischen den Völkern ausgeübt werden könnte, wie es zwischen unseren Staaten (von Nordamerika) ausgeübt wird und dadurch die Abschaffung der Notwendigkeit, zum Kriege Zuflucht zu nehmen.

Als mich Roosevelt am 17. Oktober 1904 im weissen Hause empfing, sagte er zu mir: “Der Weltfriede kommt, er kommt gewiss, aber nur Schritt für Schritt.”

Und so ist es auch. So deutlich erkannt, so scheinbar naheliegend und leicht erreichbar ein Ziel auch winkt, der Weg dahin kann nur Schritt für Schritt zurückgelegt, und unzählige Hindernisse müssen dabei überwunden werden.

Und hier handelt es sich noch dazu um ein Ziel, das von vielen Millionen noch gar nicht gesehen wird, von dem unzählige Menschen entweder nichts wissen, oder das sie als eine Utopie betrachten. Mächtige Interessen sind auch damit verbunden, dass es nicht erreicht werde, dass alles beim Alten bleibe. Und die Anhänger des Alten, des Bestehenden, haben einen gar mächtigen Bundesgenossen an dem Naturgesetz der Trägheit, an dem Beharrungsvermögen, das allen Dingen innewohnt gleichsam als Schutz gegen die Gefahr des Vergehens. Es ist also kein leichter Kampf, der noch vor dem Pacificismus liegt. Von allen Kämpfen und Fragen, die unsere so bewegte Zeit erfüllen, ist diese Frage, ob Gewaltzustand oder Rechtszustand zwischen den Staaten, wohl die wichtigste und folgenschwerste. Denn ebenso unausdenkbar wie die glücklichen segensreichen Folgen eines gesicherten Weltfriedens, ebenso unausdenkbar furchtbar wären die Folgen des immer noch drohenden, von manchen Verblendeten herbeigewünschten Weltkrieges. Die Vertreter des Pacificismus sind sich wohl der Geringfügigkeit ihres persönlichen Machteinflusses bewusst, sie wissen, wie schwach sie noch an Zahl und Ansehen sind, aber wenn sie bescheiden von sich selber denken, von der Sache, der sie dienen, denken sie nicht bescheiden. Sie betrachten sie als die grösste, der über haupt: gedient werden kann. Von ihrer Lösung hängt es ab, ob unser Europa noch der Schauplatz von Ruin und Zusammenbruch werden, oder ob und wie in Verhütung dieser Gefahr noch früher die Aera des gesicherten Rechtsfriedens eingeführt werden soll, in der die Zivilisation zu ungeahnter Blüte sich entfalten wird. Das ist die Frage, die mit ihren vielseitigen Aspekten das Programm der zweiten Haager Konferenz füllen sollte, statt den vorgeschlagenen Erörterungen über die Gesetze und Gebräuche des Seekrieges, Beschiessung von Häfen, Städten und Dörfern, Legung von Minen u. s. w. Durch dieses Programm zeigt sich, wie die Anhänger der herrschenden Kriegsordnung diese letztere sogar noch auf dem eigensten Terrain der Friedensbewegung zwar modifizieren, aber aufrecht erhalten wollten. Die Anhänger des Pacificismus jedoch, innerhalb und ausserhalb der Konferenz, werden zur Stelle sein, um ihr Ziel zu verteidigen und sich ihm wieder einen Schritt zu nähern. Das Ziel nämlich, welches, um Roosevelts Worte zu wiederholen, die Pflicht seiner Regierung, die Pflicht aller Regierungen darstellt:

“Die Zeit herbeizuführen, wo der Schiedsrichter zwischen den Völkern nicht mehr das Schwert sein wird.”

From Les Prix Nobel en 1905, Editor Carl Gustaf Santesson, [Nobel Foundation], Stockholm, 1907

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MLA style: Bertha von Suttner – Nobelvorlesung. NobelPrize.org. Nobel Media AB 2018. Tue. 13 Nov 2018. <https://www.nobelprize.org/prizes/peace/1905/suttner/26131-bertha-von-suttner-nobelvorlesung/>

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