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Nobel Prizes and Laureates


The Nobel Prize in Chemistry 1931
Carl Bosch, Friedrich Bergius

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Banquet Speech

Carl Bosch' speech at the Nobel Banquet in Stockholm, December 10, 1931 (in German)

Durch sein Testament und seine Stiftung hat Nobel seinem Heimatlande zu einer besonderen Stellung auf dieser Welt verhelfen. Kein anderes Land ist in der Lage, für wissenschaftliche und kulturelle Leistungen alljährlich eine Reihe von hohen Preisen und Auszeichnungen ohne Ansehen der Nation zu verleihen, wie Schweden. Dadurch hat im Laufe der Jahre die Frage, wem die Verleihung zuteil wird, immer grösseres Interesse der ganzen gebildeten Welt erregt, und schwer ist die Verantwortung der Männer, die berufen sind, die Auswahl zu treffen. Auch nach sorgfältigen Studien mag es manchmal nicht leicht sein, sich zu entscheiden.

Umso grössere Freude und Stolz darf deshalb die Wenigen erfüllen, die der hohen Auszeichnung teilhaftig werden, wird ihnen damit doch vor aller Welt bekundet, dass Ihre Lebensarbeit die höchste Anerkennung gefunden hat, die die Welt kennt. Der Nobelpreis wird für sie nach dem Wunsch des Stifters ein Ansporn sein, auch weiterhin das Höchste zu leisten.

Für mich ziemt es sich, zunächst der hohen Akademie der Wissenschaften meinen verbindlichsten Dank auszusprechen für die ausserordentliche Ehrung, die sie mir erwiesen hat durch Aufnahme unter die Reihe der hervorragenden Männer, die bis jetzt den Nobelpreis erhielten.

Die Tatsache, dass in diesem Jahre bei dem Preis für Chemie nach der Auffassung der Öffentlichkeit von der bisherigen Gepflogenheit abgewichen wurde, ausschliesslich Wissenschaftler zu berücksichtigen, gibt mir Veranlassung, einige Bemerkungen allgemeiner Natur zu machen. Sie sollen lediglich historischer Art sein, denn es steht mir selbstverständlich nicht zu, irgend eine Bemerkung über die Gründe zu machen, welche die hohe Akademie veranlasst haben, so zu entscheiden. Immerhin ist die Abweichung aufgefallen, und ich halte es für richtig, an dieser Stelle für die Allgemeinheit einiges über das im Laufe der Zeiten wechselnde Verhältnis zwischen Wissenschaft und Technik zu sagen. Ich schicke voraus, dass ich von Wissenschaft nur im Sinne der Naturwissenschaften und der Mathematik spreche, wobei selbstverständlich die Medizin auch mit einzuordnen ist, denn sie stellt auch nur eine Sparte der angewandten Naturwissenschaften dar.

Zu Urzeiten der Zivilisation bestanden ausschliesslich Erfahrungen des täglichen Lebens, die man heute als den Anfang der Technik bezeichnen könnte. Wissenschaft entstand später aus diesen praktischen Erfahrungen, als sich die Notwendigkeit ergab, in die Summe der einzelnen Erfahrungen des täglichen Lebens Ordnung zu bringen, wobei gewissermassen als Nebenprodukt die Erkenntnis gewonnen wurde, dass die durch eine solche Ordnung der Erfahrungen notgedrungene Annahme von Zusammenhängen auch bestimmte Voraussagungen erlaubt, also gewissermassen Arbeitshypothesen aufzustellen ermöglicht. Lange haben die so entstandenen Naturwissenschaften um ihre Anerkennung ringen müssen, denn sie wurden durch Philosophie und Religion aufs heftigste bedrückt. Dann aber machten sie eine andere Wandlung durch: sie fühlten sich nicht mehr erdgebunden, im Gegenteil, die Annäherung an die ihnen an sich ganz unverwandte Philosophie führte dazu, nach festen unabänderlichen Naturgesetzen zu suchen, die ähnlich wie die Euklidischen Axiome für die Geometrie die Grundpfeiler für das Gebäude der Wissenschaft darstellen sollten.

Durch unablässige Experimente und Studien und nach der Aufsammlung unendlicher Erfahrungen sind die gesuchten Grundsätze gefunden worden. Es gab eine Zeit, so um die Jahrhundertwende, herum, da glaubte man der Lösung der letzten Fragen nahegekommen zu sein. - Welche Umänderungen aber in den letzten Jahrzehnten! Fast nichts mehr von den Festen der Wissenschaften ist unerschüttert geblieben. Die Behauptung der Kausalität, d. h. des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung, ist erschüttert, Sätze wie die der Erhaltung der Energie und Masse sind höchstens noch in Annäherung tragbar. Die Kontinuität von Wärme und Licht löst sich in einzelne Quanten oder in zappelnde Wellenbündel auf. Nichts mehr von Stabilität.

Woher kommt das alles? Letzten Endes daher, dass die Werkzeuge, die die Technik der Wissenschaft lieferte, dieser die Erkenntnis brachten, dass die alten Annäherungsmethoden einer erheblichen Verbesserung bedurften. Wissenschaft und Technik, die lange Zeit getrennt nebeneinander liefen, näherten sich derartig, dass eine enge Zusammenarbeit auf dem Gebiete der feinsten Untersuchungen entstand. Nachdem die Technik schon erkannt hatte, dass manche Erfahrung, die aus dem Laboratorium abfiel, auch zu anderen als rein wissenschaftlichen Zwecken Verwendung finden könnte, hat sie immer eifriger versucht, daraus Nutzen zu ziehen, und hat für ihre Zwecke Instrumente verfeinert und Messmethoden verschärft. Die hervorragenden optischen Instrumente z. B. haben es ermöglicht, Aussagen zu beweisen, die auf Grund des negativen Ausgangs des Michelsort-Versuches gemacht wurden, der ebenfalls nur mit hochentwickelter Experimentiertechnik möglich war. Was hat nicht allein die Photographie, diese empirischste aller Künste, für unsere heutige Kenntnis der kosmischen Umwelt geleistet! In gleich bedeutsamer Weise hat die technische Durchbildung der Röntgenröhren zur Erforschung des Aufbaus der Atome beigetragen; die Verstärkerröhren, die zunächst nur ein Werkzeug im wissenschaftlichen Laboratorium waren, haben den Anstoss zur Schaffung eines neuen, mächtigen Industriezweiges gegeben und dieser umgekehrt wieder der Wissenschaft hervorragende Hilfsmittel für die Messung kleinster elektrischer Ströme geschenkt.

Wissenschaft und Technik haben sich im Laufe des letzten Jahrhunderts gegenseitig befruchtet. Erstere hat von den Hilfsmitteln der Technik für ihre Untersuchungen reichlichst Gebrauch gemacht, letztere die Methodik der Wissenschaft mehr und mehr auf sich übertragen.

Eine der ersten Industrien, die sich auf diese Weise von zufälligen Entdeckungen unabhängig machte, war die chemische, die bald nach den erfolgreichen Entdeckungen und Synthesen der grossen Chemiker sich durch Bau und Betrieb grosser wissenschaftlicher Laboratorien auf eigene Füsse stellte und in raschem Zuge Erfolg auf Erfolg vorweisen konnte.

Die anderen Industrien folgten schnell, und wer die grossen Laboratorien unserer Farbenindustrie, die physikalischen der General Electric, von Siemens und der A.E.G., die metallurgischen von Krupp - um nur einige zu nennen - kennt, wird keinen Unterschied in der Arbeitsweise vorfinden zwischen ihnen und den Universitäts-Laboratorien. Hier wie dort sind die tüchtigsten Wissenschaftler bestrebt, mit den modernsten Hilfsmitteln neue Erkenntnis zu finden. Aber trotzdem besteht noch ein grosser grundsätzlicher Unterschied. Die Technik ist gezwungen, ihre wissenschaftlichen Arbeiten so zu organisieren, dass auch wirtschaftliche Erfolge erzielt werden. Das ist im Grund genommen kein Nachteil.

Ich weiss wohl, dass in den heutigen Zeiten das Unternehmertum wenig beliebt ist, ja als etwas Schmachvolles betrachtet wird, nur aus dem Grunde, weil die Wirtschaft auch finanziell denken muss.

Ich habe es aber immer bei den Naturwissenschaften als einen besonderen Vorteil betrachtet, dass man mit Zentimetern, Grammen, Sekunden und anderen Masseinheiten rechnen muss. Dadurch wird die Selbstkritik besser geschult, weil nach kürzerer oder längerer Zeit die Richtigkeit oder Falschheit vorgewiesener Resultate unweigerlich herauskommt im Gegensatz zur Politik, Kunst, Philosophie und einigen anderen geistigen Sparten, die ich lieber nicht nenne, bei denen sich mit Worten trefflich streiten lässt.

Bei der Technik kommt noch erschwerend die Frage der Wirtschaftlichkeit hinzu, die zwingt, unsere Untersuchungen in gewissen Bahnen zu halten. Technik ist heute organisierte Wissenschaft!

In den Augen des Publikums ist ein Erfinder ein Mann, der irgend etwas zusammengiesst oder zusammenschlossert und dabei plötzlich unerwartet zu Resultaten kommt und unerhörten Nutzen aus diesem Zufall ziehen kann. Gewiss, das mag auch heute noch hie und da einmal vorkommen. Aber in 999 Fällen unter 1000 sieht die Sache ganz anders aus.

Es wird eine ganz bestimmte Aufgabe gestellt, die unter den jeweiligen Verhältnissen und Kenntnissen lösbar erscheint. Dann pirscht man sich nach genauen Vorstudien und unendlichen Versuchsserien immer näher an das gewünschte Resultat heran, wobei genaueste Mess- und Untersuchungsmethoden, die in den meisten Fällen erst ausgearbeitet werden müssen, Voraussetzung sind. Wenn dann zum Schluss noch etwas Überraschendes herauskommt, dann ist es die Überraschung darüber, dass, nachdem man sich Monate und Jahre mit dem Thema geplagt hat, über Nacht im Unterbewusstsein das Gehirn die letzten Zusammenhänge unerwartet findet.

Voraussetzung ist heute auch in der Technik voller Überblick über den Stand der Wissenschaft, volle Klarheit über das Ziel und eine gewisse zeitliche Reife von Technik und Wissenschaft, die die Bearbeitung der gestellten Aufgabe aussichtsreich erscheinen lässt.

Ich bin zu Ende mit meinen Ausführungen und hoffe, diese werden bei Ihnen den Eindruck hinterlassen haben, dass die Entwicklung die Wissenschaft und die Technik, die Jahrhunderte lang scheinbar auseinanderliefen und scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, wieder zu einer frohen Vereinigung und Zusammenarbeit geführt hat.

Indem ich ohne weiteres voraussetze, dass die hohe Akademie sich durch diese grundsätzliche Einstellung in ihrer Entscheidung hat leiten lassen, danke ich nochmals herzlich für die Anerkennung meiner persönlichen Leistung auf den verschiedensten Gebieten der chemischen Industrie, die viel mehr dem zufälligen Zusammentreffen von Vorbildung und Veranlagung und meinen hervorragenden Vorgesetzten und trefflichen Mitarbeitern als mir allein zu verdanken ist.

From Les Prix Nobel en 1931, Editor Carl Gustaf Santesson, [Nobel Foundation], Stockholm, 1932

 

Copyright © The Nobel Foundation 1931
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MLA style: "Carl Bosch - Banquet Speech". Nobelprize.org. Nobel Media AB 2014. Web. 25 Jul 2014. <http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/chemistry/laureates/1931/bosch-speech.html>

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