Nobelprize.org
Nobel Prizes and Laureates


The Nobel Prize in Literature 2012
Mo Yan

Share this:
Chinese [pdf]
English
English [pdf]
Swedish
Swedish [pdf]
French
French [pdf]
German
German [pdf]
Spanish
Spanish [pdf]
© DIE NOBELSTIFTUNG 2012
Nachdruck genehmigt für Zeitungen in allen Sprachen nach dem 7. Dezember 2012, 17 Uhr 30 (schwedische Zeit). Jede Veröffentlichung in Zeitschriften oder Büchern, die über eine inhaltliche Zusammenfassung hinausgeht, bedarf der Genehmigung der Stiftung.
Alle Veröffentlichungen des gesamten Textes oder größerer Teile des Textes müssen die oben angegebene unterstrichene Copyright-Angabe enthalten.

 

Nobelvorlesung

7. Dezember 2012

 

Die Geschichtenerzähler

Sehr geehrte Mitglieder der Schwedischen Akademie, sehr geehrte Damen und Herren:

Ich nehme an, daβ die Anwesenden über das Fernsehen oder das Internet bereits mehr oder weniger mit der Gemeinde Gaomi im Kreis Dongbei vertraut geworden sind. Vielleicht haben Sie auch Bilder meines neunzigjährigen Vaters gesehen, meines älteren Bruders, meiner älteren Schwester, meiner Frau, meiner Tochter und meiner ein Jahr und vier Monate zählenden Enkeltochter. Doch den Menschen, den ich am meisten vermisse, können Sie leider nicht mehr zu Gesicht bekommen: meine Mutter. Viele haben sich, nachdem mir der Preis zugesprochen wurde, mit mir freuen können, nur meine Mutter nicht.

Meine Mutter wurde 1922 geboren und starb 1994. Wir haben ihre sterblichen Überreste in einem Pfirsichgarten im Osten des Dorfes begraben.

Im vergangenen Jahr plante man die Verlegung einer Bahnlinie durch den Garten und uns blieb nichts anderes übrig, als ihr Grab an einen anderen Ort außerhalb des Dorfes zu verlegen. Als wir das Grab öffneten, stellten wir fest, daβ der Sarg längst zerfallen und die Asche meiner Mutter bereits eins mit der Erde geworden war. Wir muβten uns damit begnügen, symbolisch etwas Erde auszugraben, die wir in das neue Grab legten. Ich begriff damals, daβ meine Mutter ein Teil der Erde ist. Alles, was ich auf dieser Erde stehend erzähle, erzähle ich meiner Mutter.

Ich bin ihr jüngstes Kind.

Meine früheste Kindheitserinnerung ist die, wie ich als kleiner Junge mit unserer einzigen Thermoskanne bei der öffentlichen Kantine abgekochtes Wasser holen gegangen bin. Vor Hunger und Durst geschwächt, fiel mir die Kanne aus der Hand und ging kaputt. Ich erschrak zu Tode, versteckte mich im Heuschober und wagte mich den ganzen Tag nicht hinaus.

Gegen Abend hörte ich, wie meine Mutter mich bei meinem Kosenamen rief. Ich kam heraus und rechnete mit Schlägen und Schelte, aber sie tat nichts dergleichen und strich mir nur mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung über den Kopf.

Meine schmerzlichste Erinnerung ist die an einen Tag, an dem ich mit meiner Mutter auf die Felder ging, um liegengebliebene Weizenähren aufzulesen. Als plötzlich die Aufseher auf dem Feld erschienen, stoben alle auseinander. Meine Mutter hatte abgebundene Füße und konnte nicht schnell davonlaufen. Sie hielten sie fest, und ein großgewachsener Aufseher gab ihr eine so kräftige Ohrfeige, daβ sie taumelnd zu Boden stürzte. Der Kerl kümmerte sich gar nicht um die Weizenähren, die wir gesammelt hatten; er machte kehrt und ging pfeifend davon. Meine Mutter saß mit blutigem Mund auf dem Boden. Ihren verzweifelten Gesichtsausdruck habe ich ein Leben lang nicht vergessen. Viele Jahre später, aus jenem Feldaufseher war ein weißhaariger alter Mann geworden, kreuzte er eines Tages zufällig auf dem Marktplatz unseren Weg. Ich hätte mich am liebsten in später Rache auf ihn gestürzt, aber meine Mutter hielt mich zurück und sagte ruhig zu mir: „Mein Sohn, der Mann, der mich geschlagen hat und dieser alte Herr sind nicht derselbe Mensch.“

Eine andere Episode ist mir tief im Gedächtnis haftengeblieben. Eines Mittags im Herbst gönnten wir uns einmal Jiaozi, das sind gedämpfte Teigtaschen, zum Mittagessen. Es gab nicht mehr als eine Schüssel pro Nase. Während des Essens klopfte ein alter Bettler an der Tür. Ich wollte ihm eine halbe Schüssel getrocknete Süßkartoffel geben, er aber sagte verärgert: „Ich bin ein alter Mann. Ihr labt euch an Jiaozi und mich wollt ihr mit getrockneter Süßkartoffel abspeisen. Habt ihr kein Herz?“ Ich erwiderte empört: „Wir essen im Jahr selten genug Jiaozi, und dann gibt es gerade einmal eine Schüssel für jeden. Wir werden selbst kaum satt, was hast du also an etwas getrockneter Süßkartoffel auszusetzen? Wenn du sie nicht willst, dann eben nicht!“

Meine Mutter sah mich vorwurfsvoll an und leerte die Hälfte ihrer Jiaozi in die Schüssel des Bettlers.

Dann erinnere ich mich noch daran, wie ich einmal mit meiner Mutter Chinakohl verkaufen ging. Mehr oder weniger absichtlich berechnete ich einem Käufer einen Mao zuviel. Dann machte ich mich auf den Weg in die Schule. Nach der Schule traf ich meine Mutter weinend zuhause an, obwohl sie sonst selten weinte. Anstatt mich auszuschimpfen, sagte sie nur ruhig zu mir: „Ach mein Sohn, deinetwegen verliert deine Mama das Gesicht.“

Als ich zehn Jahre alt war, wurde meine Mutter schwer lungenkrank. Wir alle litten unter Hunger, Krankheit und Erschöpfung und sahen kein Licht am Ende des Tunnels. Ich fühlte dunkle Vorahnungen in mir aufsteigen und fürchtete, Mutter könnte sich etwas antun. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, rief ich als erstes nach meiner Mutter. Wenn sie antwortete, fiel mir jedes Mal ein Stein vom Herzen. War nichts zu hören, erschrak ich zu Tode und rannte alarmiert von einem Zimmer ins andere. Eines Tages konnte ich sie nirgends finden. Ich setzte mich in den Hof und weinte. Da kam Mutter mit einem Bündel Feuerholz zum Tor herein. Es gefiel ihr gar nicht, mich so zu sehen. Unmöglich konnte ich ihr meine Ängste beichten, aber sie durchschaute mich ohnehin. „Keine Sorge, mein Sohn. Ich habe zwar wenig Freude in diesem Leben, aber bevor mich die Axt des Höllenfürsten trifft, werde ich mich nicht davonmachen.“

Ich war immer ein häβliches Kind. In unserem Dorf machten sich viele Leute offen über mich lustig und ein paar fiese Mitschüler hänselten und verprügelten mich. Wenn ich dann verstört nach Hause kam, sagte meine Mutter: „Mein Kleiner, du bist nicht häβlich. Dir fehlen weder Nase noch Augen noch sonst etwas. Du hast alles, was man haben muβ, wie könntest du häβlich sein? Und mit einem guten Herzen und guten Taten wirst du sogar eine Schönheit werden.“ Später, als ich in die Stadt gezogen war und einige vermeintlich kultivierte Leute über mein Aussehen spotteten, dachte ich an die Worte meiner Mutter und sah ihnen das gelassen nach.

Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben, hegte aber großen Respekt vor Menschen, die des Schreibens mächtig waren. Wir führten ein Leben in Armut und hatten häufig nur eine Mahlzeit am Tag, doch wenn ich meine Mutter um Geld für Bücher und Schreibzeug bat, entsprach sie meinem Wunsch immer. Sie war ein arbeitsamer Mensch, für ein faules Kind hatte sie wenig übrig. Wenn ich aber meiner Bücher wegen die Arbeit vernachlässigte, ließ sie mich gewähren.

Eine Zeitlang besuchte ein Geschichtenerzähler unseren Markt. Ich stahl mich heimlich davon, um seinen Geschichten zu lauschen, und vergaß darüber die Arbeit, die mir meine Mutter aufgetragen hatte. Zuerst schimpfte sie mich aus. Am Abend, als sie im Schein der Petroleumlampe Baumwollkleider für uns fertigte, konnte ich nicht an mich halten und wiederholte ihr die Geschichten, die ich am Nachmittag auf dem Marktplatz gehört hatte. Sie regierte zunächst ungehalten, denn im Grunde ihres Herzens hielt sie solche Geschichtenerzähler allesamt für Scharlatane, die keiner anständigen Arbeit nachgingen. Aus deren Mündern konnte nichts Gutes kommen. Doch dann ließ sie sich von der Geschichte in den Bann schlagen. Am darauffolgenden Markttag entband sie mich meiner Aufgaben und schickte mich stattdessen eigens auf den Markt zum Geschichtenhören. Aus Dankbarkeit, und um vor ihr mit meinem guten Gedächtnis zu prahlen, gab ich ihr die am Tage gehörten Geschichten bis auf das kleinste Detail wieder.

Schon bald gab ich mich nicht mehr damit zufrieden, die Geschichten anderer nachzuerzählen und schmückte sie immer weiter aus. Ich änderte nach dem Geschmack meiner Mutter ab, dichtete ein paar Handlungsstränge hinzu und manchmal erfand ich sogar ein anderes Ende. Meine Mutter war bald nicht mehr meine einzige Zuhörerin, auch meine große Schwester, meine Tante und meine Großmutter gesellten sich dazu. Nachdem sie sich meine Geschichten angehört hatte, sagte meine Mutter manchmal sorgenvoll, halb zu sich selbst und halb zu mir: „Mein Sohn, was wird einmal aus dir, wenn du groß bist? Ob du wohl mit deinem geschwätzigen Mund dein Geld verdienen kannst?“

Ich konnte Mutters Sorgen gut verstehen. Geschwätzige Kinder waren bei uns auf dem Dorf nicht wohlgelitten und brachten sich und ihrer Familie nur Ärger ein. In meiner Erzählung „Der Ochse“ geht es um solch einen schwatzhaften Jungen, der im ganzen Dorf geächtet wird. Dieser Junge hat etwas von mir in meinen Kindertagen.

Meine Mutter ermahnte mich immer wieder, nicht so viel zu reden, und hätte sich sicher ein schweigsames, zurückhaltendes Kind gewünscht. Doch auch wenn meine offensichtliche Wortgewandtheit und mein starker Rededrang besorgniserregend waren, bereiteten meine Geschichten meiner Mutter viel Freude. Es war ein schwer zu lösendes Dilemma.

„Es ist leichter, Berge und Flüsse zu versetzen, als den Charakter eines Menschen zu ändern“, heißt es. An meiner Neigung zur Schwatzhaftigkeit hat sich wenig geändert, auch wenn meine Eltern beharrlich versuchten, sie mir auszutreiben. Mein Künstlername „Sprich nicht!“ ist daher mit bewuβter Ironie gewählt.

Ich mußte meine Schulausbildung noch vor dem Abschluβ der Grundschule beenden. Da ich aber eher schwächlicher Natur war und für schwere Arbeit nicht taugte, muβte ich auf das Feld hinaus und Kühe und Schafe hüten. Wenn ich die Rinder und Schafe an der Schule vorbeitrieb, konnte ich meine ehemaligen Mitschüler im Schulhof herumtoben hören und wurde ganz schwermütig. Ich erfuhr am eigenen Leib, was es heißt, wenn ein Mensch – und besonders ein Kind – zu einem Außenseiter wird.

Draußen auf den Feldern ließ ich die Herden frei herumlaufen und weiden. Über mir gab es nur das Blau des Himmels und vor mir die unendliche Weite des Graslands, weit und breit war keine Menschenseele. Man hörte nur das Zwitschern der Vögel. Ich fühlte mich einsam und verlassen. Zuweilen lag ich rücklings ins Gras und betrachtete die am Himmel vorüberziehenden Wolken und vor meinem inneren Auge tauchten unerklärliche Phantasiegebilde auf. In unserer Gegend kursierten damals zahlreiche Fabeln um den Fuchs, der sich in ein schönes Mädchen verwandelte. Ich stellte mir vor, daβ diese Fuchsfee erscheine, um mit mir zusammen Rinder zu hüten; aber sie tauchte nie auf. Einmal jedoch kam unvermittelt aus dem Gras ein feuerroter Fuchs hervor, so daβ ich vor Schreck auf den Hosenboden fiel. Im Nu war der Fuchs spurlos verschwunden, und ich blieb zitternd zurück. Hin und wieder hockte ich mich neben ein Rind, sah in seine tiefblauen Augen und betrachtete mein Spiegelbild darin. Dann wieder imitierte ich Vogelstimmen und versuchte mit den Vögeln am Himmel zu kommunizieren, oder ich schüttete einem Baum mein Herz aus. Doch weder die Vögel noch die Bäume verstanden mich.

Viele Jahre später, als ich ein Schriftsteller geworden, verarbeitete ich die aus der Einsamkeit entstandenen Phantasien jener Zeit in meinen Erzählungen. Nicht wenige preisen heute den Reichtum meiner Phantasie, und einige Literaturliebhaber möchten von mir wissen, woraus sich diese Phantasie nährt. Auf diese Frage kann ich nur mit einem bitteren Lächeln antworten.

Es verhält sich damit, wie es schon unser Urahn und Philosoph Laozi formulierte: „Das Unglück ist es, worauf das Glück beruht; das Glück ist es, worauf das Unglück lauert.“ Ich muβte in meiner Kindheit frühzeitig die Schule beenden, ich litt Hunger, war einsam und hatte keine Bücher zu lesen, aber gerade deshalb lernte ich, ähnlich wie der Schriftsteller Shen Congwen eine Generation zuvor, im großen Buch des Lebens zu lesen. Das Lauschen auf die Geschichten des Erzählers auf dem Marktplatz, von dem ich eben sprach, war nur eine Seite dieses Buches.

Nachdem ich die Schule verlassen hatte, muβte sich meine Karriere fortan durch das „Lesen mit den Ohren“ entwickeln. Vor zweihundert Jahren gebar unser Landstrich einst ein großartiges Erzähltalent, den Dichter Pu Songling; viele unserer Dorfbewohner und auch ich selbst gehören zu seinen Nachkommen. Ob bei der gemeinsamen Feldarbeit, in den Rinder- und Pferdeställen der Zuchtbrigade, auf dem warmen Ofenbett meiner Großeltern und selbst auf dem schaukelnden Ochsenkarren hörte ich immerfort Geistergeschichten, historische Überlieferungen und Anekdoten. All diese Geschichten waren mit unserer unmittelbaren Umgebung und Natur, mit der Geschichte unserer Familie, aufs engste verknüpft, und gehörten daher für mich dem wirklichen Leben an.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, daβ diese Geschichten eines Tages den Stoff für meine eigenen Romane liefern könnten. Damals war ich nur ein kleiner Junge, der nach Geschichten lechzte und aufmerksam den Erzählungen anderer lauschte. Ich glaubte entschieden an Geister und daran, daβ alle Dinge eine Seele haben. Jedem mächtigen Baum erwies ich meinen Respekt. Wenn ich einen Vogel sah, dachte ich, er könne sich jederzeit in einen Menschen verwandeln; und traf ich auf einen Fremden nahm ich wiederum an, er sei ein Tier in Menschengestalt. Allabendlich, wenn ich vom Registrierzimmer der Produktionsbrigade nach Hause zurückkehrte, starb ich unterwegs tausend Tode vor Furcht, und ich rannte und sang aus voller Kehle, um mir Mut zu machen. Ich war damals gerade mitten im Stimmbruch, meine Stimme klang heiser und unschön und mein Gesang war für meine Mitmenschen die reinste Folter.

Ich verbrachte 21 Jahre meines Lebens in meinem Heimatdorf. Die weiteste Reise, die ich in dieser Zeit unternahm, führte mit dem Zug nach Qingdao, wo ich mich beinahe zwischen den Holzblöcken einer großen Holzfabrik verirrte. Als meine Mutter mich fragte, was ich mir in Qingdao angesehen habe, antwortete ich: Gar nichts, da gab es nur Holzblöcke. Dennoch war es diese Reise nach Qingdao, die in mir den Wunsch weckte, meine Heimat zu verlassen und mir die Welt anzusehen.

Im Februar 1976 ließ ich mich zum Wehrdienst einziehen. Meine Mutter verkaufte einen Teil ihres Hochzeitsschmucks, damit ich mir die vier Bände der „Kurzen Geschichte Chinas“ leisten konnte. Ich ließ Gaomi, diesen Ort, mit dem mich eine ewige Haβliebe verbindet, hinter mir und es begann die wichtigste Zeit meines Lebens. Ich muβ sagen, daβ ich ohne die damals einsetzende gesellschaftliche Entwicklung und den Fortschritt Chinas dank der Reform- und Öffnungspolitik niemals zu dem Schriftsteller geworden wäre, der ich bin.

Inmitten des prosaischen Soldatenlebens begrüßte ich die Befreiung des Denkens und die neue Welle von Literatur der 1980er Jahre. Von dem Kind, das mit den Ohren Geschichten lauschte und sie mit dem Mund weitererzählte, wurde ich schließlich zu einem, der versuchte, seine Geschichten mit dem Stift zu erzählen. Das war anfangs alles andere als einfach. Ich hatte damals noch nicht begriffen, daβ die zwanzig Jahre Landleben das Erz für meine Literatur waren; ich dachte, Literatur bedeute, gute Geschichten von guten Menschen zu schreiben, Heldengeschichten. Und so veröffentlichte ich zwar ein paar Erzählungen, die jedoch von geringem literarischem Wert waren.

Im Herbst 1984 bestand ich die Aufnahmeprüfung für die Literaturabteilung der Kunstschule der Volksbefreiungsarmee. Unter der liebevollen Anleitung meines Lehrers, des Schriftstellers Xu Huai, schrieb ich „Herbstwasser“, „Trockener Fluβ“, „Durchsichtiger roter Rettich“, „Das rote Kornfeld“ und andere Novellen. „Herbstwasser“ war die erste Erzählung, in der der Ort Gaomi in Dongbei auftauchte. So wie der Bauer, der, wo er sich auch befindet, seine heimatliche Scholle hat, habe ich mir als Vagabund der Literatur seither eine zuverlässige literarische Heimat geschaffen. Ich muβ gestehen, daβ mich William Faulkner und Gabriel Garcia Marquez wesentlich zu der Erschaffung dieses literarischen Heimatorts Gaomi in Dongbei gebracht haben. Ich habe ihre Werk nicht vollständig gelesen, aber ihr schöpferischer, heroischer Geist war für mich eine wichtige Quelle der Inspiration. Durch sie habe ich begriffen, daβ ein Schriftsteller seinen eigenen Ort braucht, der nur ihm gehört. Im täglichen Leben sollte ein Mensch demütig und bescheiden auftreten. Bei der Schaffung von Literatur aber darf er durchaus arrogant und autoritär sein. Zwei Jahre lang versuchte ich, in die Fußstapfen dieser beiden großen Lehrmeister zu treten, bis ich mir klar wurde, daβ es an der Zeit war, mich endlich von ihnen zu distanzieren. Ich schrieb damals in einem Artikel: Diese beiden Schriftsteller sind zwei glühendheiße Öfen, ich aber bin ein Eiswürfel, der zum Schmelzen gebracht wird, wenn er ihnen zu nahe kommt. Ein Schriftsteller kann meiner Meinung nach nur deshalb von einem anderen beeinfluβt werden, weil sie sich tief in ihrem Inneren sehr ähnlich sind. Das nennt man dann Seelenverwandtschaft. Es genügt mir, ein paar Seiten von ihren Romanen zu lesen, um zu verstehen, worum es ihnen geht und wie sie ihr Thema angehen, und schon begreife ich, was ich selbst eigentlich möchte und wie ich vorgehen muβ.

Was ich möchte, ist im Grunde sehr einfach, nämlich mit meinem eigenen Stil auf meine Weise meine eigenen Geschichten erzählen. Ich bediene mich dabei der Art des Geschichtenerzählers auf dem Marktplatz, mit der ich so vertraut bin. Es ist die Art meiner Großeltern, die Art der Alten vom Dorf, Geschichten zu erzählen. Offen gesagt, mache ich mir beim Erzählen keine Gedanken darüber, wer meine Zuhörer sind, vielleicht sind es Menschen wie meine Mutter, vielleicht bin es ich selbst; meine Geschichten entstammen schließlich meiner ganz persönlichen Erfahrung. Zum Beispiel der Junge, der in „Trockener Fluβ“ miβhandelt wird oder das Kind, das in der Erzählung „Durchsichtiger roter Rettich“ von Anfang bis Ende kein einziges Wort sagt. Ich bin früher tatsächlich von meinem Vater geschlagen worden, wenn ich etwas falsch gemacht hatte, und ich habe tatsächlich dereinst beim Brückenbau für den Schmied den Blasebalg gezogen. Ganz gleich wie außergewöhnlich eine persönliche Erfahrung auch sein mag, wird sie natürlich in einem Roman kaum ohne gewisse Veränderungen verarbeitet werden. Eine Erzählung muβ erfunden sein, sie muβ der Phantasie entspringen. Viele meiner Freunde halten „Durchsichtiger roter Rettich“ für meine beste Geschichte. Dem kann ich weder widersprechen noch zustimmen; ich bin jedoch der Ansicht, daβ „Durchsichtiger roter Rettich“ sicherlich die symbolträchtigste unter meinen Erzählungen ist, eine Geschichte von großer Tiefe. In der Figur dieses von Kopf bis Fuß rußgeschwärzten Jungen, der sowohl eine übermenschliche Leidensfähigkeit als auch eine übermenschliche Sensibilität an den Tag legt, ist die Seele all meiner Werke angelegt. Ich habe in meinen späteren Romanen eine Menge Figuren erschaffen, doch keine davon kommt so nah an meine eigene Seele heran wie dieser Junge. Man könnte auch sagen, daβ es unter den zahlreichen Figuren, die ein Schriftsteller erschafft, immer eine Leitfigur gibt. Dieser Junge sagt kein Wort und vermag dennoch, alle Arten von Leuten zu beeinflussen. Er bringt sie dazu, mit ganzem Herzen auf der Bühne von Gaomi in Dongbei aufzutreten.

Die eigene Geschichte hat ihre Grenzen; dort, wo die eigene Geschichte aufhört, beginnt die Geschichte der anderen. Und dann kommen mir die Geschichten meiner Verwandten in den Sinn, die der Dorfbewohner, und die überlieferten Geschichten unserer Vorfahren, die die alten Leute erzählten, und ich fühle mich wie ein Soldat beim Sammlungsappell. Alle sehen mich erwartungsvoll an und warten darauf, daβ ich ihre Geschichten aufschreibe. Mein Großvater, meine Großmutter, mein Vater, meine Mutter, mein älterer Bruder, meine ältere Schwester, Tanten, Onkel, Ehefrau und Tochter, sie alle sind schon einmal in meinen Werken vorgekommen, neben all den Bekannten aus dem Dorf Gaomi, die meine Geschichten bevölkern. Natürlich habe ich sie alle literarisch bearbeitet, als fiktive Romanfiguren gehen sie jeweils weit über ihre ursprüngliche Gestalt hinaus.

In meinem jüngsten Roman „Frösche“ spielt zum Beispiel die Schwester meines Vaters eine Rolle. Aufgrund der Nobelpreisverleihung wurde sie von zahlreichen Journalisten mit Interviewanfragen bestürmt. Anfangs beantwortete sie noch geduldig alle Fragen, doch dann wurde es ihr zuviel und sie floh in eine Provinzstadt, um sich bei ihrem Sohn zu verstecken. Sie diente mir tatsächlich als Vorbild für die Figur in „Frösche“, aber es besteht ein Riesenunterschied zwischen der Tante in meinem Roman und meiner wirklichen Tante. Die Tante im Roman ist selbstherrlich und tyrannisch und erinnert zuweilen an eine rechte Schurkin, während meine echte Tante eine liebevolle und gutherzige Dame ist, eine typische gute Ehefrau und Mutter. Meine Tante verbringt ihren Ruhestand glücklich und zufrieden, während die Tante im Roman wegen ihrer Verbitterung unter Schlaflosigkeit leidet und mit einer schwarzen Decke um die Schultern wie ein Geist nachts schlafwandelt. Ich danke meiner Tante dafür, daβ sie sich nicht über die Art und Weise, wie ich sie in meinem Roman darstelle, geärgert hat. Ich bewundere ihre Weisheit, dank derer sie das Verhältnis zwischen der fiktiven Romanfigur und der echten Person realistisch einzuschätzen weiß.

Nach dem Tod meiner Mutter kannte meine Trauer keine Grenzen. Ich beschloβ, ihrem Andenken ein Werk zu widmen. So entstand der Roman „Große Brüste, breite Hüften“. Weil ich ein klares Konzept im Kopf hatte und vor Gefühlen überschäumte, schrieb ich das erste Manuskript dieses 500.000 Schriftzeichen umfassenden Romans in nur 83 Tagen nieder.

In „Große Brüste, breite Hüften“ benutzte ich zwar skrupellos Elemente, die mit der persönlichen Beziehung zu meiner Mutter zu tun hatten, aber das, was die Mutter in diesem Roman durchleben muβ, ist frei erfunden, besser gesagt: es setzt sich aus den Biographien zahlreicher anderer Mütter Gaomis zusammen. In der Widmung des Romans steht: „Der Seele meiner Mutter im Himmel gewidmet“ – doch in Wahrheit habe ich dieses Buch dem Andenken meiner Mutter und ihrem irdischen Leben gewidmet. Meine vielleicht größenwahnsinnig anmutende Ambition ist es, den kleinen Ort Gaomi als chinesischen Mikrokosmos zu einem Ort der Weltliteratur zu machen.

Jeder Autor hat seinen individuellen Schaffensprozeβ, jedes meiner Bücher ist anders konzipiert und von anderen Dingen inspiriert. Es gibt Erzählungen, die ihren Ursprung in einer Traumwelt haben, wie „Durchsichtiger roter Rettich“, andere haben ihren Ausgangspunkt bei Ereignissen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind, wie „Die Knoblauchrevolte“. Doch ganz gleich, ob ihr Ursprung in einem Traum oder in der Realität liegt, am Ende muβ die Geschichte sich mit den persönlichen Erfahrungen eines Individuums verbinden, erst dadurch bekommt sie ihren unverwechselbaren Charakter; aus unzähligen lebendigen Details formt sich dann ein literarisches Werk voller typischer Charaktere, von reicher und bildhafter Sprache, Schöpfergeist und Authentizität. In der „Knoblauchrevolte“ lasse ich, das möchte ich hier besonders erwähnen, einen wirklichen Geschichtenerzähler auftreten, der im Roman eine ausgesprochen wichtige Rolle spielt. Es tut mir im Nachhinein sehr leid, daβ ich im Roman den wahren Namen dieses Geschichtenerzählers verwendet habe, denn natürlich sind seine Handlungen innerhalb des Romans Produkte meiner Phantasie. Solche Auftritte gibt es in meinen Werken zahlreiche. Wenn ich zu schreiben beginne, benutze ich die wirklichen Namen dieser Personen und erhoffe mir dadurch, ein Gefühl von besonderer Intimität mit ihnen zu schaffen. Habe ich den Roman dann abgeschlossen, scheint es mir oft unmöglich, ihre Namen abzuändern. Manche Leute, deren Namen in meinen Werken auftauchen, haben sich daher schon bei meinem Vater beschwert, der sich an meiner Stelle dafür entschuldigt hat, sie aber gleichzeitig beschwichtigte und riet, das nicht so ernst zu nehmen. Mein Vater sagt dann gerne: „In ‚Das rote Kornfeld’ schreibt er auch, ‚mein Vater, dieser Bandit’. Wenn ich mir da nichts draus mache, dann habt ihr wohl erst recht keinen Grund dazu.“

Bei Romanen wie der „Knoblauchrevolte“, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit widmen, ist das größte Problem für mich nicht, ob ich es wagen kann, die dunklen Seiten der gesellschaftlichen Wirklichkeit an den Pranger zu stellen, sondern ob diese brennende Leidenschaft und Wut dazu führen können, daβ die Politik die Literatur unterdrückt und damit erst recht den Inhalt des Werks bestätigt und die gesellschaftlichen Mißverhältnisse bloßstellt. Ein Schriftsteller ist Teil der Gesellschaft; selbstverständlich hat er seinen eigenen Standpunkt und seine eigene Meinung, doch ein Erzähler muβ beim Schreiben dem Standpunkt der Allgemeinheit einnehmen und läβt damit alle Menschen an seinem Werk mitschreiben. Einzig auf diese Weise kann sich Literatur einem Thema widmen, aber gleichzeitig darüber hinausgehen, kann politisch sein, dabei aber über die Politik hinausgehen.

Es liegt zweifellos an meiner eigenen bitteren Lebenserfahrung, daβ ich ein tiefes Verständnis für die menschliche Natur entwickelt habe. Ich weiß, was wahrer Mut bedeutet und habe begriffen, was wahrer Kummer ist. Ich weiß, daβ jedem Menschen etwas Diffuses innewohnt, etwas, das sich nicht exakt in die Kategorien von Richtig und Falsch, Gut und Böse einordnen läβt. Das ist das weite Terrain, auf dem ein Schriftsteller seinem Talent freien Lauf lassen kann. Solange man in einem Werk diese diffuse Zone, die so voller Widersprüche ist, genau und lebendig zu beschreiben versteht, dann erst geht ein Roman über das Politische hinaus und besitzt eine verfeinerte literarische Qualität.

Mein endloses Gerede über das eigene Werk geht Ihnen hoffentlich nicht auf die Nerven. Mein Leben und mein Schaffen sind einfach sehr eng miteinander verknüpft. Ich kann über nichts anderes reden als über meine Werke und kann Sie daher nur um Verständnis bitten.

In meinen frühen Werken war ich ein typischer moderner Geschichtenerzähler, einer, der hinter dem Text im Verborgenen die Fäden zieht, doch angefangen bei dem Roman „Die Sandelholzstrafe“ habe ich mich von der Hinterbühne auf die Vorderbühne gewagt. Liest man meine frühen Werke als Selbstgespräche, die keinen Leser im Sinn haben, dann ist das seit diesem Roman anders. Seither fühle ich mich wie jemand, der auf einem Platz vor einem großen Publikum steht und anschaulich und lebendig Geschichten erzählt. Das entspricht der Tradition der Romanliteratur der ganzen Welt, aber ganz besonders der chinesischen.

Auch ich habe einmal der westlichen Gegenwartsliteratur nachgeeifert, und früher mit unterschiedlichen Stilmitteln und Formen experimentiert, doch schließlich habe ich mich auf die Tradition besonnen. Natürlich bedeutet dieser Rückzug auf die Tradition keinen endgültigen, absoluten Rückzug. „Die Sandelholzstrafe“ und die darauf folgenden Romane zum Beispiel führen das Erbe der traditionellen chinesischen Erzählliteratur fort, wobei sie sich gleichzeitig bei unterschiedlichen Erzähltechniken der westlichen Literatur bedienen. Spricht man von literarischer Kreativität, meint man im Grunde immer ein Produkt dieser Mischung. Man mischt nicht nur die Erzählkunst der chinesischen Literatur mit der nichtchinesischen, sondern auch die Form des Romans mit anderen Kunstformen, wie zum Beispiel in der „Sandelholzstrafe“, wo ich mich der volkstümlichen Theatertradition bediene, oder auch in anderen frühen Erzählungen, deren Stil sich aus der Malerei, der Musik und selbst der Akrobatik speiste.

Zuletzt möchte ich noch etwas zu meinem Roman „Der Überdruβ“ sagen. Der chinesische Titel des Romans, der wörtlich „der Wiedergeburt müde“ lautet, stammt aus den klassischen Schriften des Buddhismus, und soweit ich weiß, stellte die Übersetzung dieses Titels für meine Übersetzer aus verschiedenen Ländern ein großes Problem dar. Ich habe mich nie sehr intensiv mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, und mein Wissen über diese Religion ist daher sehr oberflächlich. Ich habe diesen Titel allein deshalb gewählt, weil sich meiner Meinung nach im buddhistischen Denken ein wahres Bewuβtsein vom Universum findet und viele Kämpfe des menschlichen Lebens in den Augen des Buddhismus unbedeutend sind. Diese auf ihren kleinen Horizont beschränkte menschliche Welt erscheint so betrachtet als armselig. Ich wollte mit diesem Buch gewiβ kein Evangelium schreiben; es ging mir nach wie vor um das menschliche Schicksal und die menschlichen Befindlichkeiten, seine Grenzen und seine Toleranz, seine Suche nach Glück, seine Ausdauer und die Opfer, die man für das, woran man glaubt, zu geben bereit ist. Der mit seinem eigenen Körper den Trends der Zeit widerstehende Lan Lian ist in meinen Augen ein wahrer Held. Das Vorbild für diese Figur ist ein Bauer aus unserem Dorf, dem ich in meiner Jugend häufig dabei zusah, wie er einen quietschenden Holzkarren an unserem Hof vorbeischob. Der Karren wurde von einem lahmen Esel gezogen, den seine Frau mit ihren abgebundenen Stumpenfüßen führte. Diese seltsame Arbeitsgruppe wirkte in der damaligen Kollektivgesellschaft ziemlich bizarr und altmodisch. Für uns Kinder waren diese Leute alberne Clowns, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten, und wir warfen sogar voller Empörung auf der Straße Steine nach ihnen. Als ich viele Jahre später zum Pinsel griff, um meine Geschichte aufzuschreiben, tauchten dieser Mensch und diese Bilder wieder vor meinem inneren Auge auf. Mir war schon immer klar, daβ ich eines Tages ein Buch über ihn schreiben würde und der Menschheit seine Geschichte erzählen wollte, doch erst im Jahr 2005, als ich irgendwo in diesem Universum saß und auf eine Wandmalerei mit dem buddhistischen Rad des Lebens starrte, wurde mir klar, wie ich diese Geschichte zu erzählen hatte.

Es gab im Zuge meiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis einige Diskussionen. Anfangs hielt ich mich selbst für den Grund dieser Debatten, bis mir allmählich klar wurde, daβ der Gegenstand der Debatte jemand war, der mit mir so gut wie nichts zu tun hatte. Ich fühle mich wie ein Theaterbesucher, der dem Treiben auf der Bühne zusieht. Ich sehe, wie ein Preisträger mit Blumen überhäuft, aber auch mit Steinen beworfen und mit Dreckwasser überschüttet wird. Ich habe Angst, er könne zusammenbrechen, aber er steht lächelnd aus dem Haufen von Blumen und Steinen auf, wischt sich das Schmutzwasser ab, steht gelassen da und sagt zum Publikum:

Für einen Schriftsteller ist der beste Weg sich zu äußern das Schreiben. Alles, was ich zu sagen habe, steht in meinen Werken. Worte sind Schall und Rauch; was schwarz auf weiß geschrieben steht, läβt sich dagegen niemals ausradieren. Ich hoffe, daβ Sie meine Bücher mit Geduld und Nachsicht lesen, auch wenn ich sie natürlich nicht dazu zwingen kann. Selbst wenn Sie meine Bücher gelesen haben, erwarte ich nicht, daβ sie mich mit anderen Augen betrachten. Kein Schriftsteller der Welt wird von allen Lesern gemocht. Das gilt in der heutigen Zeit noch mehr als früher.

Eigentlich wollte ich mich nicht zu dieser Debatte äußern, doch heute muβ ich hier sprechen, und deshalb will ich ein paar Sätze dazu sagen.

Ich bin ein Geschichtenerzähler, also erzähle ich Ihnen eine Geschichte.

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ich in die dritte Klasse der Grundschule ging, muβten wir uns einmal eine Ausstellung über das Leid unseres Volkes ansehen. Um den Erwartungen des Lehrers zu entsprechen, brachen wir alle in ein großes Geheule aus. Damit der Lehrer sich von meinem Entsetzen überzeugen konnte, wischte ich mir die Tränen nicht aus dem Gesicht. Ich sah, wie einige Mitschüler sich heimlich Speichel über das Gesicht schmierten, damit es aussah, als ob sie weinten. Ein einziger Schüler trug inmitten all der echten und falschen Tränen ein tränenloses Gesicht zur Schau, er gab keinen Ton von sich und barg auch das Gesicht nicht in den Händen. Er starrte uns mit großen Augen erstaunt, vielleicht auch ungläubig, an. Hinterher schwärzte ich ihn bei unserem Lehrer an und der Schüler bekam eine Disziplinarstrafe. Als ich viele Jahre später jenem Lehrer gestand, daβ ich mein Verhalten von damals bereue, erzählte er mir, daβ ich an jenem Tag nicht der einzige gewesen sei, der den Mitschüler angeschwärzt hatte. Dieser Mitschüler ist bereits einige Jahre tot, aber jedes Mal, wenn ich mich an ihn erinnere, bin ich tief beschämt. Dieser Vorfall hat mir eines begreiflich gemacht: Wenn alle weinen, dann sollte es einen geben, der nicht weint. Und wenn das Geheule zudem nur zur Schau gestellt ist, dann ist es umso wichtiger, daβ einer sich dem Weinen verweigert.

Und ich möchte noch eine Geschichte erzählen: Vor dreißig Jahren arbeitete ich noch beim Militär. Eines Abends saß ich lesend in meinem Büro, als ein älterer Kommandeur zur Tür hereinkam, auf den Platz mir gegenüber starrte, und wie zu sich selbst sagte: Wie, keiner da? Ich stand auf und sagte mit lauter Stimme: „Bin ich etwa niemand?“ Der Kommandeur wurde rot und zog sich beschämt wieder zurück. Lange Zeit war ich stolz auf diesen Vorfall und wähnte mich einen mutigen Soldaten, später jedoch machte ich mir deswegen eher Vorwürfe.

Bitte erlauben Sie mir, daβ ich Ihnen noch eine weitere Geschichte erzähle. Sie stammt von meinem Großvater. Es waren einmal acht Maurer, die vor einem Unwetter in einer Klosterruine Schutz suchten. Draußen grollte lautstark der Donner und ein Feuerball nach dem anderen schien von außen gegen das Klostertor anzurollen, die Luft schien erfüllt von furchtbarem Drachengebrüll. Die Männer waren starr vor Angst und kreidebleich. Einer von ihnen sagte: Einer von uns acht muβ etwas angestellt haben, das den Himmel erzürnt hat. Wer immer das war, soll gefälligst vor die Tür gehen und sich seine Strafe abholen, anstatt Unschuldige mit hineinzuziehen.“ Natürlich wollte keiner hinausgehen. Dann meinte ein anderer: „Da keiner von uns hinausgehen will, schlage ich vor, daβ wir alle unsere Strohhüte nach draußen werfen. Wessen Hut zum Tor hinausgeweht wird, der ist der Übeltäter und muβ hinausgehen und sich seiner Strafe stellen.“ So warfen also alle ihre Strohhüte in Richtung Tür. Sieben der Hüte wurden zurück in das Kloster geweht und nur einen trug der Wind nach draußen. Die anderen drängten ihren Kameraden hinauszugehen und seine Strafe zu empfangen. Als er sich weigerte, stießen ihn die Männer mit vereinten Kräften zur Tür hinaus. Ich nehme an, daβ Sie erraten können, wie die Geschichte ausgeht – in dem Moment, als der Mann zur Tür hinausflog, stürzte die Klosterruine in sich zusammen.

Ich bin ein Geschichtenerzähler.

Weil ich ein Geschichtenerzähler bin, wird mir der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Viele wunderbare Geschichten haben sich nach der Verleihung dieses Preises zugetragen; Geschichten, die mich in meinem Glauben, daβ Wahrheit und Gerechtigkeit existieren, bestärkt haben.

Ich werde auch weiterhin meine Geschichten erzählen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Betz

 

Share this:
To cite this page
MLA style: "Mo Yan - Nobelvorlesung: Die Geschichtenerzähler". Nobelprize.org. Nobel Media AB 2014. Web. 25 Jul 2014. <http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2012/yan-lecture_ty.html>

Recommended:

Which Nobel Laureates are hidden within the maze of letters?

 

All you need to know about the Literature Prize!

 

Read about Alfred Nobel's Will and the Literature Prize.